Simón Bolívar hat Geburtstag oder Der General in seinem Labyrinth

Eine Buchempfehlung des Adveniat-Bibliothekars Jörg Dietzel:

Am 24. Juli vor 232 Jahren wurde Simón Bolívar in Caracas/Venezuela geboren, sein Lebenskreis schloss sich am 17. Dezember 1830 in Santa Marta/Kolumbien.

Adveniat-Bibliothekar Jörg Dietzel. Foto: Adveniat/Echterhoff

Adveniat-Bibliothekar Jörg Dietzel. Foto: Adveniat/Echterhoff

Als mich die Kolleginnen aus dem Medienreferat anlässlich seines bevorstehenden Geburtstages um einige schriftliche Gedanken zu S. B. baten, sagte ich gerne zu – ohne zu wissen, worauf ich mich eingelassen hatte! Nun, ich bin weder Historiker noch Journalist. Jedoch gibt es einiges an Literatur über Bolívar, der eine recht vielschichtige Figur im historischen Kontext gewesen sein muss.

Ich habe mich entschieden, einige persönliche Gedanken zum Roman von Gabriel García Márquez: Der General in seinem Labyrinth niederzuschreiben, die mir beim Lesen in den Sinn kamen:

Das Buch hat 359 Seiten, und ich sage es gleich vorweg: Ich bin weit davon entfernt, den Roman als gelesen zu bezeichnen – dazu war die Zeit einfach zu kurz. Ich kann aber sagen, dass mich das Geburtstagskind (man verzeihe mir die Saloppheit) gleich in den ersten Zeilen in seinen Bann schlug, und dies ist in erster Linie dem Autor, seines Zeichens kolumbianischer Literatur-Nobelpreisträger, zu verdanken. Sehr präzise, ja stark bildhaft wird der allmähliche körperliche und geistige Verfall Bolívars in den letzten sieben Monaten seines noch recht jungen Lebens beschrieben: „Der General hielt sich kraftlos an den Griffen der Badewanne fest, tauchte dann wie ein Delphin aus dem Heilwasser, unerwartet schwungvoll für einen derart abgezehrten Körper.“

Der General in seinem Labyrinth. Foto: Fischer Verlag

Der General in seinem Labyrinth. Foto: Fischer Verlag

Schnell geriet ich – wen wundert es – in militärisches Fahrwasser. Dann wimmelt es nur so von Offizieren, wachhabenden Adjutanten, Husaren und Grenadieren. Natürlich hängt damit auch die große Politik zusammen: „Der General bekräftigte seinen Rücktritt und ernannte Don Domingo Caycedo zum Übergangspräsidenten, bis der Kongress den Amtsträger gewählt haben würde.“ Zudem nahm in mir der Eindruck Gestalt an, dass nicht nur der General sich in seinem Labyrinth befindet, nein – auch ich selbst hatte beim fortschreitenden Lesen phasenweise das Gefühl, in ein Labyrinth geraten zu sein. Immer wieder treten neue Akteure auf den Plan, erzählt García Márquez von weiteren Handlungssträngen. Sehr aussagekräftig, wenn nicht sogar symbolhaltig finde ich die geschilderte Begegnung des Generals mit einem herrenlosen Jagdhund: „Während er ihm das Fell mit den Fingerspitzen streichelte, beschnupperte der Hund ihn gründlich, sprang dann aber plötzlich beiseite, schaute ihm mit seinen goldenen Augen in die Augen, knurrte misstrauisch und floh entsetzt.“

Bolívar, der große Befreier, Libertador, Staatsmann, Feldherr kann einem auch leid tun; die Reaktion des Hundes ist nachvollziehbar. Auch ich als Leser werde nicht so recht schlau aus diesem Menschen. Der Autor lässt schonungslos wissen: „Der Körper glühte im Scheiterhaufen des Fiebers, übelriechende Blähungen brachen kollernd daraus hervor. Der General selbst würde am nächsten Tag nicht sagen können, ob er im Schlaf gesprochen oder wach phantasiert hatte, er würde sich an nichts erinnern. Es war das, was er `Meine Anfälle von Irrsinn´ nannte. Niemanden versetzten sie mehr in Unruhe, da er schon über vier Jahre daran litt und man ihn am nächsten Tag stets mit ungetrübtem Verstand aus seiner Asche auferstehen sah […].“ Dieses Ambivalente, Sprunghafte in Bolívars Wesen machte mich manchmal ratlos, während mich gleichzeitig das Mitleid ergriff. Immerhin war er erst 46/47 Jahre alt. Das Ende zeichnet sich ab bei seinem Ausspruch:

„Ich habe kein Vaterland mehr, für das ich mich opfern könnte.“

Ich glaube, das ist das Schlimmste, was einem Helden, was einem Befreier passieren kann.

 

Gern gebe ich an dieser Stelle kurz weitere Leseimpulse weiter:

– Michael Zeuske: Simón Bolívar. Befreier Südamerikas. Geschichte und Mythos. Berlin 2011.

Walther L. Bernecker: Simón Bolívar; in:
– Nikolaus Werz (Hg.): Populisten, Revolutionäre, Staatsmänner. Politiker in Lateinamerika. Frankfurt am Main 2010.
– Gerhard Masur: Simón Bolívar Tomo I y Tomo II. Instituto Colombiano de Cultura 1980.

Jörg Dietzel