Delegation: Steinerne Zeugnisse der alten Freiheit

Die steinernen Zeugnisse der untergegangenen Jesuitenreduktionen sind beeindruckend. Obwohl nur noch Ruinen, zeigen sie die Größe und die kluge Planung der Arbeit der Jesuiten bei den Guaraní-Indianern, wie sie die Struktur und die Traditionen der Indígenas beibehielten, ihnen den katholischen Glauben nahe brachten und sie zudem vor den Sklavenjägern, vor allem den „Bandeirantes“ aus dem nahe gelegenen Brasilien schützten.

Von Encarnación kommend, haben wir uns die beiden Reduktionen „La Santísima Trinidad de Paraná“ (Die Allerheiligste Dreifaltigkeit zu Paraná) und „Jesús de Tavarangüe“ angesehen. Beide Orte wurden 1993 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt. 1685 bzw. 1706 gegründet, gehören sie zu den jüngeren Reduktionen im Gebiet zwischen dem ehemaligen spanischen Vizekönigreich Peru und dem zu Portugal gehörenden Brasilien.

Beeindrckend in ihrer Größe und Kunstfertigkeit: Die Ruinen der Jesuitenreduktion "Santisima Trinidad" bei Encarnación im Süden Paraguays.

Beeindruckend in ihrer Größe und Kunstfertigkeit: Die Ruinen der Jesuitenreduktion "Santisima Trinidad" bei Encarnación im Süden Paraguays.

Die Jesuiten gründeten Siedlungen von Indianern, in der sie unter der Führung ihrer Häuptlinge und in Betreuung durch jeweils nur 2-3 Jesuiten „ins kirchliche und bürgerliche Leben bekehrt“ werden sollten: „ad ecclesiam et vitam civilem essent reduci“, wie es im Lateinischen heißt – daher die Bezeichnung „Reduktionen“. Seit 1600 betrieben die Jesuiten in einem Gebiet, das Teile des heutigen Paraguay, Boliviens und des Südosten Brasiliens umschloß, Reduktionssiedlungen. Hier lebten die Indianer in einem besonderen Status, der Sklaverei, Unterdrückung und Ausbeutung, wie sie sonst in Amerika üblich waren, durch den Schutz der Jesuiten verhinderte. Die Indianer lebten als freie Untertanen der spanischen Krone und behielten ihre Traditionen und hierarchischen Verhältnisse großteils bei.

Beeindruckend sind die Überreste der Kirche mit dem Glockenturm, dem Taufbecken, der Kanzel und der Sakristei. In „La Santisima Trinidad de Paraná“ sind Überreste des Hauptplatzes, des Friedhofs und der Wohngebäude der Guaraní-Indígenas erhalten.

Eine junge Fremdenführerin zeigte uns die Ruinen der Reduktion, hier die ehemalige Kirche "Santisima Trinidad".

Eine junge Fremdenführerin zeigte uns die Ruinen der Reduktion, hier die ehemalige Kirche "Santisima Trinidad".

In den Reduktionen lebten Indígenas verschiedener Guaraní-Gruppen.  Vor der Einigung durch die Reduktionen hatten sich die Völker oft befehdet, mit der Gründung der Reduktionen begann für die Indianer eine Zeit des Friedens. Eine Bedrohung von außen fand nicht statt, weil der spanische König die Reduktionen unter seinen besonderen Schutz gestellt hatte.

Rund 4.000 Menschen zählte die Jesuitenreduktion „La Santísima Trinidad“. Sie lebten von Ackerbau und Viehzucht als Gemeinschaft: Eigentum gab es nicht, alles gehörte allen. Die Gemeinschaft bestimmte, wer wieviel benötigte, und sie sorgte sich auch um die Alten und Kranken.

Als 1767 die Jesuiten aus Lateinamerika ausgewiesen wurden, gingen auch die Reduktionen unter. Vorausgegangen waren mehrere Versuche der spanischen Herren in der Neuen Welt, sich der Reduktionen zu bemächtigen. Noch im ersten Drittel des 18. Jahrhunderts hatte der spanische König Philip V. den Reduktionen erlaubt, sich Kanonen anzuschaffen, um sich gegen die spanischen Herren zur Wehr setzen zu können. Sein Nachfolger, König Karl V., gab dem Neid und der Missgunst der Kolonisten nach. Die Jesuiten wurden ausgewiesen, die Kolonisten verleibten die Reduktionen ihrem Besitz ein.

Die Kanzel in der Kirche der Reduktion "Santisima Trinidad" zeigt die Kunstfertigkeit der Baumeister und Handwerker.

Die Kanzel in der Kirche der Reduktion "Santisima Trinidad" zeigt die Kunstfertigkeit der Baumeister und Handwerker.

Viele Indianer flohen in die Wälder, hunderte wurden in sklavenähnliche Dienste genommen. Auch viele Jesuiten wurden in Haft genommen. Allein aus Lateinamerika waren rund 2.200 Jesuitenpatres abtransportiert worden. Der dadurch entstandene intellektuelle Verlust ist nicht hoch genug einzuschätzen, da die Jesuiten das koloniale Erziehungswesen und die Wissenschaft weitgehend bestimmt und geprägt hatten.

In der Kirche St. Ignatius in Essen hängt ein Marienbild, das einige Jesuiten aus portugiesischer Gefangenschaft nach Deutschland brachten. Es erinnert an diese schwere Zeit.

Für die Guaraní-Indianer begann die Zeit der Unterdrückung, die bis heute andauert. In Encarnación berichtete uns Schwester Claudia von der Steyler Missionsschwestern, wie sich die Indianerpastoral der Kirche für die Rechte der Guaraní einsetzt. Es geht vor allem um das Recht der Indígenas auf das Land, das sie Jahrhunderte bearbeitet haben – und das nun von der Sojaindustrie genutzt wird.

Franz-Josef Overbeck

2 thoughts on “Delegation: Steinerne Zeugnisse der alten Freiheit

  • 20. Juli 2013 at 10:42
    Permalink

    Ich finde es ja eine lobenswerte Einstellung, dass anno 2013 einmal ein sinnvolles Terrain für die Weihnachtskollekte gefunden wurde. Eine komplette Delegation reist (wahrscheinlich Business Class), um jetzt, wo wir endlich einen südamerikanischen Papst haben, auch endlich einmal Kollektengelder mehr oder weniger verantwortungsvoll enzusetzen. Eine Kosten-Nutzen-Rechnung dieser Reise wäre wohl angebracht.

  • 22. Juli 2013 at 10:00
    Permalink

    Liebe Ulrike Manns,
    die Delegation hat sich in Paraguay vorrangig über die Situation der Indigenen und die Landfrage informiert. Wir haben dazu zahlreiche Adveniat-Projekte besucht, haben stundenlang auf staubigen Pisten im Auto gesessen und haben überall vor Ort gespürt, wie wichtig es den Menschen ist, dass ihre Anliegen wahrgenommen werden. Die Besuche haben vor allem die Nivaclé-Indígenas im Chaco bestärkt. Mehr dazu übrigens in unserer Pressemitteilung dazu unter http://www.adveniat.de/presse/pressemitteilungen/aktuelle-mitteilungen/presse-artikel-detail/article/landfrage-in-paraguay-weiterhin-vordringliches-problem/1.html
    Übrigens: Ich reise stets Economy-Class. Übernachtet haben wir in einfachen kirchlichen Häusern.

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