Kolumbien: Die Geiseln der Coca

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Bischof Omar hat einen Traum: ein Coca-freies Catatumbo. Gemeinsam mit Bauern (hier im Bergdorf Pacelli) entwickelt der Bischof einen alternativen Plan zum Anbau landwirtschaftlicher Produkte in der Region. Fotos: Jürgen Escher

„Die Coca-Pflanze öffnet hier ständig neue Wege“. Omar Alberto Sánchez, Bischof von Tibú und Ende des Jahres im Rahmen der Adveniat-Jahresaktion zu Gast in Deutschland, sitzt am Steuer seines Landrovers „Hercules“. Und wundert sich. Links und rechts der Schlaglochpiste, über die wir seit Stunden hinwegrumpeln, entdeckt der Bischof neue, ihm bisher unbekannte Wege. „Wo neue Coca-Pflanzungen entstehen sollen, müssen erst mal neue Wege angelegt werden.“

Wir sind in der Region Catatumbo unterwegs, dem Einzugsgebiet des gleichnamigen Flusses an der Grenze von Kolumbien und Venezuela. Einst wurde hier Kakao, Kaffee und Zuckerrohr angebaut. Mitte der 90er Jahre hielt dann die Coca-Pflanze Einzug in die entlegene Region. Weiterlesen

Alkoholiker essen Katzen

„Alkoholiker essen Katzen!“ Als die Schwestern mir das heute beim Abendessen erzählten, löste das in mir ein albernes Kichern aus – weil ich sofort das politisch nicht sehr korrekte Bild im Kopf hatte, wie alkoholabhängige Obdachlose, die die Berliner Straßen oder Bahnhofsgegend bewohnen, vergnügt an frittierten oder kandierten Katzen nagen. Auch musste ich mir Imbissbuden mit „Cat for take-away“ vorstellen. Sehr schräg.

Viele Kinder leben in Haiti in bitterer Armut, manche verbringen ihre Kindheit sogar im Müll, wie diese Kleinen in Petit-Anse. Foto: Martin Steffen/Adveniat

Viele Kinder leben in Haiti in bitterer Armut, manche verbringen ihre Kindheit sogar im Müll, wie diese Kleinen in Petit-Anse. Foto: Martin Steffen/Adveniat

Aber was hier wie ein schlechter Scherz klingt, ist in Haiti bittere Realität: Alkoholiker in Haiti ernähren sich tatsächlich oft von Katzen, einfach, weil sie sich nichts zu Essen leisten können und Katzen relativ leicht zu fangen sind. Die Haitianer sind arm, aber die Alkoholabhängigen, die aufgrund ihrer Sucht ohne Arbeit und ohne Zuhause sind, muss man als die Ärmsten bezeichnen. Denn auch fünf Jahre nach dem Erdbeben ist Haiti noch weit entfernt von jeglicher Normalität, schreibt Adveniat auf der Seite „Blickpunkt Lateinamerika„.
Die Selbstmordrate in Haiti ist nach Angaben der Schwestern extrem gering, weil auch die Ärmsten der Armen sehr gläubig sind und sich gegen Gott nicht versündigen wollen. Andere Drogen sind zu teuer , als dass die Menschen sich das hier leisten könnten – obwohl Haiti als einer der wichtigen internationalen Drogenumschlagplätze auf dem Weg von Lateinamerika in die USA gilt. Alkoholiker gibt es hingegen viele, denn der oft selbstgebrannte Rum ist günstig.
In der Schule hat mich heute schockiert, dass einige Kinder tatsächlich so riechen, als würden sie auf der Straße leben (und tatsächlich: einige Familien sind so arm, dass sie auch inmitten des Mülls wohnen). Sie riechen dann nach Fäkalien oder einfach so, als hätten sie sich seit  drei Wochen nicht gewaschen. Das ist mir nur deshalb aufgefallen, weil jeder Schüler der zweiten Klasse der Schule, in der Schwester Edna arbeitet, mir zur Begrüßung einen Kuss auf die Wange geben wollte. Das fand ich extrem süß, bis auf das Dufterlebnis. Ich habe auch wieder Loombänder mit ihnen gebastelt. Diesmal durften die Kinder sich fröhlich sich bei den Gummibänder bedienen, da ich in Port au Prince am Samstag Nachschub geholt hatte. Ich kaufe jedesmal, wenn ich dort bin, in einem Laden namens „Acra“ das komplette Sortiment auf.
Heute Mittag haben wir für die ganze Woche Besuch bekommen von einer Ordensfrau aus einem anderen Schwesternhaus. Ihr Name ist zu lang, als dass ich ihn mir merken könnte. Florentine kommt auch darin vor. Sie macht hier ein paar Tage Urlaub. Als beim Mittagessen alle schwiegen, weil wir recht erschlagen waren von der Hitze und der Arbeit mit den Kids und schweigend vor uns hinfutterten, fragte sie erschrocken, ob es beim Essen ein Nichtsprechgelübde gebe? Da konnten wir sie beruhigen: „Das gibt es hier nicht.“
Ich sollte vielleicht morgen mal wieder mein „Nichtduschgelübde“ brechen, das ich mir seit drei Tagen auferlegt habe. Das ist aber weniger eine Glaubensfrage, sondern liegt daran, dass das Wasser aus der Leitung morgens einfach saukalt ist. Brrrrrrr… Weiterlesen

Rio de Janeiro: Geliebt

Die ehemalige Prostituierte Cicera.

Vor 53 Jahren kam Cicera als Tochter einer Prostituierten zur Welt. Mit acht Jahren wurde sie von ihrem Stiefvater missbraucht. Von der Mutter setzte es Prügel statt Hilfe. Mit zwölf zog sie zu Hause aus – auf Sao Paulos Straßenstrich. Ein paar Reais war ihr Kinderkörper wert und manchmal bekam sie für Sex eine heiße Mahlzeit. Auf der Vila Mimosa, dem Bordell-Viertel von Rio de Janeiro, gab es dann umgerechnet etwa zehn Euro pro Freier – wenn es gut lief, zehn, fünfzehn Mal am Tag. Das meiste Geld investierte Cicera in Alkohol und Drogen – ein klarer Kopf hält das nicht aus. Ihre drei Kinder wurden ihr vom Amt weggenommen, zu Recht, sagt sie. Sie schlug sich im wahrsten Wortsinn durch das Leben: „Ich war brutal“, sagt Cicera heute. Weiterlesen

WJT: „Tagebuch eines Crack-Süchtigen“

Schrille Schreie, ohrenbetäubende Musik und verzerrte Gesichter. Auf der Bühne acht Jugendliche. Sie stellen nicht irgendetwas dar, sondern einen Teil ihres Lebens: die Wirklichkeit in einer Welt, die von Drogen beherrscht wird.

Wir sind zu Besuch im Adveniat-Projekt Casa do Menor in Nova Iguaçu. Diese ganze Stadt wird häufig als eine einzige Favela bezeichnet. Die Jugendlichen stellen ausdrucksstark durch eine Szene des Theaterstückes „Tagebuch eines Cracksüchtigen“ den Alptraum der Drogensucht dar. Ihre Gesichter lassen ablesen, dass dies kein fremdes Thema für sie ist. Viele von ihnen haben früher selber Drogen konsumiert oder kennen zumindest diese Realität ihres Landes. Weiterlesen