Der Kampf der Mapuche

Die Problematik der Mapuchegemeinden hat sich seit einigen Jahren verschärft. Obwohl die Mapuches schon immer die Rückgabe ihrer Grundstücke gefordert haben, die ihnen im Laufe der vergangenen fast 200 Jahre von Siedlern weggenommen worden sind (das chilenische Recht erlaubt jedem, solange das Eigentum nicht verbrieft und reklamiert worden ist, dies zu tun). Da die Mapuches die rasch ändernden Gesetze nicht kennen und daher ihre Besitztitel nie juristisch eingefordert haben, stehen sie vor dem Dilemma, dass ihr Grund und Boden immer kleiner wird und sie damit ihrer kulturellen wie physischen Existenzgundlage beraubt werden, während die Großgrundbesitzer weiter expandieren und ihren „Zugewinn“ mit allen legalen und illegalen Mitteln verteidigen. Hinzu kommt eine Regelung aus der Pinochetzeit, die die Verteilung des Wassers betrifft: So gehört das Wasser, das durch eine Parzelle fließt, nicht dem Eigentümer der Parzelle, sondern demjenigen, der sich die Nutzung des Wassers hat vorher schriftlich zusichern lassen. Sowohl Großgrundbesitzer als auch die großen Firmen haben sich diese vor vielen Jahren gesichert und keinen Peso dafür bezahlt. Die Mapuches waren an diesem Handel nicht beteiligt, so dass dies ein weiterer Konfliktpunkt in ihrem Kampf ist. Das chilenische Recht steht zudem dieser einflussreichen Gruppe das Recht zu, für die Rückgabe dieser Rechte, finanziell entschädigt zu werden, was für den Staat sehr teuer ist und daher eine rasche Lösung verhindert. Erst kürzlich erschien ein Hirtenwort von Mons. Luis Infanti, dem Apostolischen Vikar von Aysen, der auf dieses Problem aufmerksam machte und den Staat aufforderte, die Wasserrechte zu verstaatlichen, damit es wieder von allen genutzt werden kann. Beide Problempunkte und der teilweise offene, teilweise versteckte Versuch des Staates, die Mapuche zu „chilenisieren“, d.h. sie kulturell in das Gesamtgebilde des chilenischen Staates einzubinden, sind Gründe für einen Konflikt, der sich im Laufe der 90er Jahre mehr und mehr zugespitzt hat und inzwischen offen ausgetragen wird. Hinzu kommen Probleme, die regional bedingt sind, wie der, den ich nun vor Ort in Vilcún, rund 20 km von Temuco, erleben konnte. Hier geht es konkret um einen Bewässerungskanal, der vor vielen Jahren von den Mapuches angelegt worden ist, um ihre Felder mit Wasser zu versorgen. Das System war in die Jahre gekommen und der Staat bot sich an, die Kanäle zu modernisieren. Das mit den Arbeiten beauftragte Unternehmen machte aber eine schlechte Arbeit, so dass das Bewässerungssystem schließlich noch schlechter funktionierte als zuvor. Im Winter sind Überschwemmungen und im Sommer Trockenheiten die Konsequenz. Hinzu kommt das rechtliche Problem mit den oben schon beschriebenen Wasserrechten, die sich ein aus der Schweiz stammender Großgrundbesitzer vor vielen Jahren gesichert hatte. Er dehnte gleichzeitig seinen Grundbesitz auf Kosten der Mapuches aus, musste aber während der 60er Jahre einige Grundstücke an die Mapuches zurückgeben. Während der Pinochet-Diktatur nutzte er die Gunst der Stunde und seine guten Beziehungen zum Diktator und dehnte seinen Grund und Boden noch weiter aus als zuvor. Ferner ließ er nicht zu, dass sich das Vieh seiner Nachbarn auf seinem Grundstück aufhielt. Verlief sich ein Tier dennoch, so schoss er es ab oder brachte sie mit einem LKW zu einer Polizeistation, die rund 40 km von seiner Finca entfernt liegt. Neben der Strafe mussten die Mapuches einen Lastwagen mieten, um das Tier nach hause zu transportieren, was mit erheblichen Kosten verbunden war. Dies verschärfte die Spannungen weiter. Als im Januar 2008 zwei Jugendliche sein Grundstück widerrechtlich betraten, rief er die Polizei, die einen der jungen Mapuche, Matías Carileo, von hinten erschoss. Die beiden jungen Leute waren unbewaffnet und wollten mit ihrer Tat auf die Ungerechtigkeit der Landnahmen aufmerksam machen. Der Leichnahm Matías Carileo wurde von den Mapuches versteckt und später Mons. Sixto Parziner und P. Fernando Diaz übergeben, die von den Mapuches als Vermittler eingeschaltet wurden. Der Polizist, der den jungen Mapuche erschoss, ist bislang auf freiem Fuß. Die Anklage wurde entsprechend einer seit der Diktatur geltenden Regelung in einem Zivilgericht nicht zugelassen und muss an ein Militärgericht verhandelt werden, das aber bislang bis auf die Beweisaufnahme sich nicht geregt hat. Bis heute steht ein Urteil aus. Weiterlesen