Alkoholiker essen Katzen

„Alkoholiker essen Katzen!“ Als die Schwestern mir das heute beim Abendessen erzählten, löste das in mir ein albernes Kichern aus – weil ich sofort das politisch nicht sehr korrekte Bild im Kopf hatte, wie alkoholabhängige Obdachlose, die die Berliner Straßen oder Bahnhofsgegend bewohnen, vergnügt an frittierten oder kandierten Katzen nagen. Auch musste ich mir Imbissbuden mit „Cat for take-away“ vorstellen. Sehr schräg.

Viele Kinder leben in Haiti in bitterer Armut, manche verbringen ihre Kindheit sogar im Müll, wie diese Kleinen in Petit-Anse. Foto: Martin Steffen/Adveniat

Viele Kinder leben in Haiti in bitterer Armut, manche verbringen ihre Kindheit sogar im Müll, wie diese Kleinen in Petit-Anse. Foto: Martin Steffen/Adveniat

Aber was hier wie ein schlechter Scherz klingt, ist in Haiti bittere Realität: Alkoholiker in Haiti ernähren sich tatsächlich oft von Katzen, einfach, weil sie sich nichts zu Essen leisten können und Katzen relativ leicht zu fangen sind. Die Haitianer sind arm, aber die Alkoholabhängigen, die aufgrund ihrer Sucht ohne Arbeit und ohne Zuhause sind, muss man als die Ärmsten bezeichnen. Denn auch fünf Jahre nach dem Erdbeben ist Haiti noch weit entfernt von jeglicher Normalität, schreibt Adveniat auf der Seite „Blickpunkt Lateinamerika„.
Die Selbstmordrate in Haiti ist nach Angaben der Schwestern extrem gering, weil auch die Ärmsten der Armen sehr gläubig sind und sich gegen Gott nicht versündigen wollen. Andere Drogen sind zu teuer , als dass die Menschen sich das hier leisten könnten – obwohl Haiti als einer der wichtigen internationalen Drogenumschlagplätze auf dem Weg von Lateinamerika in die USA gilt. Alkoholiker gibt es hingegen viele, denn der oft selbstgebrannte Rum ist günstig.
In der Schule hat mich heute schockiert, dass einige Kinder tatsächlich so riechen, als würden sie auf der Straße leben (und tatsächlich: einige Familien sind so arm, dass sie auch inmitten des Mülls wohnen). Sie riechen dann nach Fäkalien oder einfach so, als hätten sie sich seit  drei Wochen nicht gewaschen. Das ist mir nur deshalb aufgefallen, weil jeder Schüler der zweiten Klasse der Schule, in der Schwester Edna arbeitet, mir zur Begrüßung einen Kuss auf die Wange geben wollte. Das fand ich extrem süß, bis auf das Dufterlebnis. Ich habe auch wieder Loombänder mit ihnen gebastelt. Diesmal durften die Kinder sich fröhlich sich bei den Gummibänder bedienen, da ich in Port au Prince am Samstag Nachschub geholt hatte. Ich kaufe jedesmal, wenn ich dort bin, in einem Laden namens „Acra“ das komplette Sortiment auf.
Heute Mittag haben wir für die ganze Woche Besuch bekommen von einer Ordensfrau aus einem anderen Schwesternhaus. Ihr Name ist zu lang, als dass ich ihn mir merken könnte. Florentine kommt auch darin vor. Sie macht hier ein paar Tage Urlaub. Als beim Mittagessen alle schwiegen, weil wir recht erschlagen waren von der Hitze und der Arbeit mit den Kids und schweigend vor uns hinfutterten, fragte sie erschrocken, ob es beim Essen ein Nichtsprechgelübde gebe? Da konnten wir sie beruhigen: „Das gibt es hier nicht.“
Ich sollte vielleicht morgen mal wieder mein „Nichtduschgelübde“ brechen, das ich mir seit drei Tagen auferlegt habe. Das ist aber weniger eine Glaubensfrage, sondern liegt daran, dass das Wasser aus der Leitung morgens einfach saukalt ist. Brrrrrrr… Weiterlesen

Ein Wundermittel namens Sprühsahne

Der Sonntag begann mit der morgendlichen Messe. Ich saß da und fragte mich eine Viertelstunde lang, warum ich nichts verstehe, oder nur ein paar Worte. Nuschelt der Pfarrer? Dann kam ich drauf: Die Messe wurde auf Kreolisch gehalten! Das ist echt krass: Man denkt, es sei Französisch, als würde jemand den Klang der französischen Sprache perfekt imitieren, es ist aber keins, und man denkt, man hat was an den Ohren…

Léogâne liegt südwestlich der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince - und war damit nahe des Epizentrums des Erdbebens von 2010. Vom Schwesternhaus, in dem Eva-Habermann einen Monat zu Gast ist, bis zur Hauptstadt von Haiti benötigt man mit dem Auto knapp eine Stunde.

Léogâne liegt südwestlich der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince – und war damit nahe des Epizentrums des Erdbebens von 2010. Vom Schwesternhaus, in dem Eva-Habermann einen Monat zu Gast ist, bis zur Hauptstadt von Haiti benötigt man mit dem Auto knapp eine Stunde.

So hab ich also nichts verstehend die Messe verbracht. Nach der Messe merkte ich, dass es schwierig wurde, wenn ich mich abseits der Schwestern nahe der Kirche aufhielt, da ich sofort von Mitgliedern der Gemeinde mit bittenden Händen und den Worten „Ich habe Hunger“ angebettelt wurde. Ich gab ihnen die paar Bonbons, die ich noch in der Tasche hatte. Mein Geld hatte ich bei der Kollekte in der Messe abgegeben. Man kann als Einzelperson leider nicht jedem helfen. Aber wenn Viele helfen, wie zum Beispiel in der Adveniat-Kollekte in Deutschland, dann kann Vieles geschehen.
Zuhause (im Schwesternhaus) angekommen, begann ich dann sowohl einen Apfelkuchen zu backen, als auch den Nudelauflauf nach dem Rezept meiner Mutter zu machen. Innerhalb von ein paar Minuten füllte sich die Küche mit sehr neugierigen Kindern und mit nicht weniger neugierigen Ordensfrauen. Ich fühlte mich wie ein Showkoch à la Lafer, Lichter, Lecker. Jeder einzelne Schritt wurde aufmerksam verfolgt. Es gab keine Waage zum Abwiegen der Zutaten, also habe ich mit Tassen das Ganze berechnet. Ich verzweifelte etwas an dem Backofen, der auch im Ofenrohr mit Gas und einer Flamme von unten beheizt wird, so dass mein Apfelkuchen binnen kürzester Zeit vor sich hinblubberte, als würde man einen Pudding kochen.
Da funktionierte das mit dem Nudelauflauf schon besser. Zu meiner Verwunderung ist der Kuchen dann doch noch irgendwann fest geworden. Pfeffer für den Nudelauflauf musste erstmal aufwendig gesucht werden, da er schlichtweg nicht benutzt wird in der haitianischen Küche. Der zehnjährige Jules sagte bekümmert, das auf der Packung aufgedruckte Haltbarkeitsdatum sei abgelaufen. Ich beschloss, dass das nicht so schlimm sei, ich habe noch nie davon gehört, dass Pfeffer schlecht werden könne. War er auch nicht.
Der große Hit war bei den Kindern allerdings die Sprühsahne (die eigentlich ZUM Kuchen gereicht werden sollte). Ich hatte im Supermarkt in Port-au-Prince der Einfachheit halber Sprühsahne gekauft. So was gibt es in Haiti schlichtweg nicht. Die Begeisterung war groß und die Sprühsahne schon alle, bevor der Kuchen überhaupt serviert war, da alle (auch die Schwestern) begeistert Sprühsahne pur aßen. Ich hätte mir also sämtliche Kochkünste, was das Dessert betraf, sparen können und alle Anwesenden mit zehn Dosen Sprühsahne entzücken können. Ich glaube, das mache ich das nächste Mal – ist auf jeden Fall einfacher als Kuchenbacken.
Sprühsahne findet man auch wirklich nur in Port-au-Prince im „Supermarché Caribian“, dem größten Supermarkt in Haiti. Shelda bekam dann später noch mit Schwester Edna Ärger, weil sie wohl am Vortag für vier Stunden spurlos verschwunden war und ein Rendezvous hatte, während wir in Port-au-Prince waren. Ich fragte Schwester Edna, was sie erwarte? „Shelda ist fünfzehn. Da soll so was vorkommen.“
Der pinke Nagellack, den ich aus der Hauptstadt mitgebracht hatte, konnte Shelda zwar kurz aus ihrem Frust reißen, aber den Rest des Tages schmollte sie allen gegenüber. Das heißt: allen Erwachsenen gegenüber, weil wir alles dürfen und sie „nichts.“ Tja, die Schwestern können (wie so manche deutsche Mutter) mitunter recht streng sein. Liebevoll, aber eineindeutig: „Nein“ bedeutet dann ein „Nein“ und nicht ein „vielleicht doch“. Weiterlesen

Weiß bleibt Weiß

Ich finde das hier in Haiti nicht immer ganz einfach – denn ich bin und bleibe ein Außenseiter. Die Hautfarbe macht ‘ne Menge aus. Sie ist wie ein Statement: Ich bin anders als ihr.

Als Weiße nicht zu übersehen im Kreis der Kinder in Haiti: Schauspielerin Eva Habermann, die einen Monat bei Ordensfrauen in Léogâne in einem Adveniat-Projekt mitarbeitet.

Als Weiße nicht zu übersehen im Kreis der Kinder in Haiti: Schauspielerin Eva Habermann, die einen Monat bei Ordensfrauen in Léogâne in einem Adveniat-Projekt mitarbeitet.

Weiße sind hier tatsächlich so selten, dass man überall auf der Straße (von jedem) angestarrt wird, so ähnlich, als würde man in Deutschland knallgrün oder nackt rumlaufen. Es wird automatisch angenommen, dass wir Weißen alle reich sind (im Vergleich zu der Bevölkerung in Haiti sind wir das auch). In erster Linie betrachten die meisten Menschen hier einen Weißen als Geldquelle und überlegen sofort, wie sie bestmöglich einen Gewinn für sich erzielen können. Das meine ich nicht böse, sondern das ist angesichts der erdrückenden Armut auch verständlich. Bei den Ordensschwestern ist das noch ein bisschen anders, da vor Gott alle Menschen gleich sind.
Die Novizinnen, ein paar Schwestern und ich sind heute frühmorgens um fünf Uhr früh nach Port-au-Prince aufgebrochen. Ich wollte den Samstag nutzen, um  bestimmte Lebensmittel zu kaufen, die man nur in der Hauptstadt Haitis bekommt, denn ich wollte in den kommenden Tagen für alle Apfelkuchen mit Rum backen und einen Nudelauflauf machen. Mal sehen, ob das den anderen schmeckt!
Angekommen im Schwesternhaus in Porte-au-Prince, war ich dann einfach zu müde, um zum Gottesdienst um 6.30 Uhr mit in die Kirche zu kommen, und ich habe mich im Schwesternhaus in Port-au-Prince noch mal ausgeruht. Ich hatte das Gefühl, die Novizinnen haben mir ein bisschen krumm genommen, dass ich lieber schlafen wollte, statt Gott zu ehren. Aber so müde wie ich war, wäre ich selbst in der Messe eingeschlafen. Dann war ich von neun bis zwölf Uhr mit Schwester Alta beim Einkaufen im größten Supermarkt Haitis. Hier gibt es sogar französische Käsesorten, Sojasauce“ und eine Nuss-Nougat-Creme, ich habe sogar ein Birchermüsli entdeckt. Danach habe ich mich mal für zwei Stunden zurückgezogen – in ein wunderschönes, im Kolonialstil erbautes Hotel, ins „Olofsson“.  Es hatte etwas sehr luxuriöses und nostalgisches, man hat den Eindruck, man hätte eine Zeitreise gemacht in längst vergangene Zeiten. Das war für mich das erste Mal seit zwei Wochen, dass ich ganz für mich alleine war.
Im Schwesternhaus in Port-au-Prince wohnen ebenfalls Waisenkinder, allerdings nur zwei: Sarah und Sebastian. Sie haben ihre Eltern beim Erdbeben 2010 verloren. Sarah ist jetzt sechs Jahre alt, und ich glaube kaum, dass sie sich noch an ihre Eltern erinnern kann. Wie das war beim Erdbeben in Léogâne, darüber hat übrigens eine Rot-Kreuz-Mitarbeiterin auf der Adveniat-Seite „Blickpunkt Lateinamerika berichtet, das kann man hier lesen. Weiterlesen

Clau hat keine Lust auf Schule

Der vierjährige Clau hatte heute partout keine Lust in die Schule zu gehen. Das wäre auch vorerst niemandem aufgefallen, da er sich geschickterweise versteckte, als alle anderen Kinder zur Schule aufbrachen. Dumm war nur, dass er eine halbe Stunde später quietschvergnügt durch den Garten wandelte, direkt mir vor die Füße.

In der Schule St. Michel in Léogâne, Haiti. Mit den haitianischen Kindern singt Eva Habermann deutsche Kanons.

In der Schule St. Michel in Léogâne, Haiti. Mit den haitianischen Kindern singt Eva Habermann deutsche Kanons.

Ich fragte ihn also, ob er heute keine Schule habe. „Non, non – écol e pa“ beteuerte er mir auf Kreolisch. Das kam mir aber irgendwie sehr spanisch vor, und ich fragte die Schwestern. Natürlich müsse er in die Schule.
Da half kein Klagen, er zog sich unwillig seine Schuluniform an. Als Friedensangebot bot ich ihm an, dass ich ihn auf meinem Rücken zur Schule tragen würde wie ein Pferdchen. Das fand er dann schon mal gut. Als ich dann auch noch galoppierte und dazu „Galopp, Galopp!“ rief, war er hellauf begeistert. Das Problem war jetzt nur: Jedes mal ,wenn ich wieder in den normalen Schritt verfiel, weil es einfach zu heiß war, um den ganzen Weg zur Schule zu galoppieren, rief jemand auf meinem Rücken relativ ungehalten: „GALOPP! GALOPP!“, und fing unruhig an hin und herzurutschen. Da blieb mir nichts Anderes übrig, als einen großen Teil der acht Minuten langen Strecke zu galoppieren … Danach war ich von der Hitze total durchgeschwitzt. Und Clau wollte, vor seiner Klassentür angekommen, prompt nicht mehr absteigen und klammerte sich an meinen Rücken und rief: „GALOPP!“ Das half aber nichts.
Anschließend war ich heute für drei Stunden in der École St. Michel. Im April letzten Jahres hatte ich bei meiner ersten Reise mit Adveniat nach Haiti die Ruinen mehrerer vom Erdbeben 2010 zerstörter Schulen gesehen, jetzt gibt es Gott sei Dank neue Räume. Ich sang mit den Kindern einen Kanon, zeigte Bilder von meinen Eltern, meiner Schwester und „meinen Kindern“. Es sind eigentlich die Kinder meiner Schwester, aber ich bin ja seit gestern lernfähig. In der Schule verteilte ich dann noch das Schulmittagessen – Reis und Bohnen –, um mich danach auf den Weg nach Port-au-Prince zu machen, auf der Suche nach neuen Loombändern. Natürlich haben die Schwestern schon allen Kindern vorgeschwärmt, dass Madame Eva kommt und mit Ihnen Armbänder bastelt, da möchte ich sie nur ungern enttäuschen.
Port-au-Prince ist ein ziemlicher Moloch. Mehr als die Hälfte aller Einwohner Haitis leben hier. Davon mehr als die Hälfte arbeitslos. Das Leben findet überwiegend auf der Straße statt, wo alle paar Meter ein anderes Ständchen aufgebaut ist, an denen man alles kaufen kann, von Lollies bis Autoreifen.
Dazwischen liegt überall unglaublich viel Müll. Die Stadt erstickt geradezu im Müll. Hier und da wird ein Haufen Abfall auf offener Straße verbrannt. Das riecht ziemlich fies und ist bestimmt nicht gesund.
Immerhin hab ich dann in einem größeren Spielwarengeschäft meine Loombänder gefunden und gleich Unmengen neue Bänder gekauft, damit ich für den Rest der Zeit hier versorgt bin. Jetzt bin ich auf dem Rückweg und freue mich auf mein um Einiges idyllischeres Schwesternhaus in Léogâne. Weiterlesen

Vergebliche Flirtversuche

Hui! Jetzt hätte ich fast zu „meiner“ haitianischen Tochter auch noch einen haitianischen Mann dazu bekommen – aber nur fast …

Schulkinder in Haiti: Erziehung ist wichtig, um die Kinder für die Zukunft fit zu machen. Foto: Martin Steffen

Schulkinder in Haiti: Erziehung ist wichtig, um die Kinder für die Zukunft fit zu machen. Foto: Martin Steffen

Ich war heute in der Schule in einer recht schwierigen Klasse, und der Lehrer in der Klasse war nicht weniger schwierig.
Diese vierte Klasse hatte die Angewohnheit, dass sie die Gummibänder, die sie zum Knüpfen der Loom-Armbänder bekamen, sofort wegsteckten – um kurz darauf wieder auf mich zuzukommen und so zu tun, als hätten sie noch keine bekommen. Das machten sie dann bis zu vier mal und ich wunderte mich, warum auf einmal alle Bänder weg und nichts mehr zum Basteln da war.
Dieses Phänomen war mir bereits im April aufgefallen, als ich während meiner ersten Haiti-Reise Lollies an Kinder verteilte. Schnell hatte ich bemerkt, dass einige Kinder die Lollies rasch heimlich wegsteckten, um dann zwei Minuten später noch mal einen zu ergattern. Die Kinder hier wachsen im Zustand des Mangels auf, und sie lernen schnell: wer am besten schummelt, bekommt am meisten. Wenn sie die Gummibänder horten (was mir nun, ehrlich gesagt, ziemlich egal ist, außer dass dann keine mehr da sind) können sie nach der Schule Zuhause noch ein oder zwei weitere Armbänder basteln. Es tut mir dann nur um jene Kinder leid, die nicht so „frech“ sind. Denn die gegen leer aus.
Nun, die Schwierigkeit an dem Lehrer war, dass er sich mir als „Mann“ schmackhaft machen wollte, und ich nicht vor ihm flüchten konnte, da um mich das Gewusel der Kinder tobte, die mir ständig ihre Loombänder in die Hand drückten, wenn sie nicht weiter wussten.
Er fragte also, ob ich Kinder hätte. „Nein“, antwortete ich, kurz angebunden. „Nein.“
Er: „Oh, nicht?“ Und: „Oooh! Keinen Mann? Da kann man doch was machen?“ Ob ich denn noch nicht mit dem Gedanken gespielt hätte, mir hier in Haiti einen zu suchen? (zwinker zwinker) „Die sind hier seeeeeeeeeehr charmant!.“ Ich vertiefte mich noch mehr in meine Arbeit und half Kindern, Loombänder zu knüpfen. Er ließ sich aber nicht von der Balz abbringen. „Was heißt ‚Ich liebe dich‘ auf Deutsch?“ Ich hab ihm dann leider auch noch gesagt, dass das „Ich liebe dich“ heißt, woraufhin er mir die nächsten zehn Minuten „Ich liebe Dich“ von der Seite zuflötete.
Hätte ich ihm doch stattdessen gesagt, die Übersetzung wäre: „ich bin ein Huhn“, dann hätte ich wenigstens was zu Lachen gehabt, wenn er mich ganz verführerisch mit „ich bin ein Huhn“ zutextet. Aber zu spät.
Dann spielte er gleich seinen nächsten Trumpf aus: Ob ich nicht jemand bräuchte, der mir Kreolisch beibringt. „Non, brauche ich nicht – ich komme gut durch“, musste ich ihn auf der Stelle abwürgen.
Ich war auch tatsächlich total verwirrt, weil, auf seltsame Weise, alle meine Gummibänder verschwunden waren …
Zurück im Schwesternhaus, bekam ich auch nicht meine wohlverdiente Ruhe: Eine Gruppe sehr gesprächiger US-Amerikaner von einer Charity-Organisation aus Minnesota war zu Besuch und wollten sich mit mir intensiv über Haiti austauschen. Ich wollte gerade nur eines: Essen. Das hielt die Amerikaner aber nicht davon ab, mir ausführlich weiter von ihrer Organisation zu berichten.
Später fragte mich der zwölfjährige Waisenjunge Vincent, warum ich nicht mit den „Weißen“ den Nachmittag verbringen wolle. Ich antwortete: „Weil diese Amerikaner zuviel Reden und zu laut sind.“ Das konnte er sehr gut verstehen. Weiterlesen

Der Fluch der Loomies

Ich mochte sie ja am Anfang sehr gerne … nun habe ich fast einen Hass auf sie entwickelt: die Loom-Armbänder. Ich kann mit den Kindern singen, spielen, ihnen Geschichten erzählen, Loomies sind und bleiben ihr absoluter Favorit. „Noch ein Armband für die Mama, noch eines für den besten Freund.“

Stolz recken die Kinder ihre Handgelenke in die Höhe, an denen die Loombänder prangen. Foto: Eva Habermann

Stolz recken die Kinder ihre Handgelenke in die Höhe, an denen die Loombänder prangen. Foto: Eva Habermann

Meine Finger sind wund und mein Nacken erfüllt von einem stechenden Schmerz vom „auf die Finger starren“. Ich habe jetzt nach und nach ganzen Schulklassen beigebracht, wie man Loomarmbänder knüpft. Mit der Erkenntnis: Manche lernen es nie. Und manche lernen es sofort. Und ich wusste bisher nicht, wie man es schaffen kann, sich selbst die Finger mit den Bändern so zu verknoten, dass man es kaum mehr aufkriegt. Aber die meisten Kinder haben große Freude dran, selbst die Verwicklungskünstler.
Eine weitere erschreckende Erkenntnis ist: Sobald die Lehrer anfangen ein Band für sich zu knüpfen, sind sie auch sie im „Loomie-Land“. Dreißig durcheinander laufende und rufende Kinder werden dann komplett mir überlassen, die Kinder könnten auf den Tischen tanzen oder den Klassenraum anzünden. Alles egal – zuerst muss der Lehrer sein Loom-Band fertigstellen, danach ziert ein Armband seinen Arm, ein breites Lächeln sein Gesicht und er ist wieder ansprechbar. Na, Gott sei Dank.
Letzte Erkenntnis: ich hab schon jetzt keine Verschlüsse mehr und hätte statt meinem Computer lieber noch eine XXXXL-Kiste Loomies mitgenommen, da ich hier eh kein Netz habe und alles auf meinem Handy tippe.
Heute Nacht habe ich denkbar schlecht geschlafen, weil der offensichtlich debile Hahn (ja, es gibt hier Hunde, Katzen, Hühner, Ziegen und Schweine) meinte, immer zur vollen Stunde krähen zu müssen, sei es 1 Uhr, 2 Uhr oder 3Uhr nachts. Schon eine beachtliche Leistung, aber sehr störend, wenn man schlafen möchte. Ich weiß nur deshalb so genau die Uhrzeit, weil ich jedes Mal komplett entnervt auf mein Handy geschaut habe. Und ich hatte ein oder zwei fiese Moskitos in meinem Zimmer, die sich trotz Fliegenschutzgittern vor meinen Fenstern illegal in mein Zimmer geschlichen hatten. Da aber der Strom ausgefallen war, war es zu mühsam, im Dunkeln mit Taschenlampe auf Moskitojagd zu gehen.
Ich hoffe der Hahn hält heute Nacht den Schnabel. Jetzt ist Wochenende, und ich habe noch keinen genauen Plan, was ich genau tun werde. Vielleicht mache ich mit den Schwestern und den Waisenkindern einen Ausflug nach Jacmel, eines der landschaftlich schönsten Gebiete in Haiti. Weiterlesen