„Madame Eva“ und Haitis Kinder

Eva Habermann mit Kindern im Projekt "Foyer de l'Espérance" in Carrefour während ihres Besuches in Adveniat-Projekten im Frühjahr 2014 in Haiti.   Foto: Martin Steffen

Eva Habermann mit Kindern im Projekt „Foyer de l’Espérance“ in Carrefour während ihres Besuches in Adveniat-Projekten im Frühjahr 2014 in Haiti. Foto: Martin Steffen

Die Idylle hier im Schwesternhaus in Léogâne wird nur gestört durch einen kleinen strubbeligen Hund, der mich jedes Mal, wenn er mich sieht, bedrohlich anknurrt, obwohl er sich größentechnisch auch für meine Handtasche als Aufpasshund eignen würde. Ob ihm das bewusst ist?

Ich erhole mich gerade von einem „intensiven“ Vormittag in der Schule „École Nôtre Dame des Anges“. Die Schwestern hatten mich den Kindern als „Madame Eva“ angekündigt, die eine „Fremde“ sei, aber dennoch eine „Freundin“. „Fremde“ (oder auch: Ausländerin) bezieht sich darauf, dass ich elf Flugstunden unterwegs war um hierherzukommen und darauf, dass es „Weiße“ hier schlichtweg nicht gibt. Weder zum Reden noch zum Anfassen. Weiterlesen

Visuelle Information nur für die Ferne

Während in Europa in den zehn Tagen nach dem Beben in Haiti unsere Medien voller Berichte, Bilder und Filme aus Port-au-Prince waren, haben die allermeisten Menschen in Ouanaminthe nur nach und nach mündlich davon erfahren. Zum einen waren die meisten Redaktionen in Port-au-Prince zerstört. Zum anderen gibt es hier in Ouanaminthe wie auch in vielen anderen ländlichen Gegenden Elektrizität nur für eine Minderheit – über Generatoren. Auch das ist eine Facette von Reichtum: Zugang zur schnellen Information. Arme sind davon ausgeschlossen. Eine Schwester kommentiert den Mangel an visueller Informationen aus Port-au-Prince sehr pragmatisch: „es ist vielleicht besser, die Bilder nicht zu sehen.“ Von schneller und unbürokratischer Hilfe hat es die Menschen in Ouanaminthe und auch in anderen Gegenden des Nordens nicht abgehalten. Und die Hilfe hat einen langen Atem. Schätzungsweise 10.000 Menschen sind bisher aus Port-au-Prince nach Ouanaminthe gekommen. Jeden Tag reisen weitere an. Weiterlesen

Angst vor Mauern

Heute erzählen uns zehn- bis zwölfjährige Mädchen, die vor zwei oder drei Wochen aus Port-au-Prince hierhergekommen sind, wie sie das Erdbeben erlebt haben. Und wie tief die Angst vor weiteren Beben ihnen in den Knochen steckt. Die zwölfjährige Sabine-Carla etwa würde am liebsten beim geringsten Geräusch losrennen. Anfangs wollte sie in kein Gebäude mehr rein, nur darußen sein. Wenn sie im Klassenraum sitzt, begutachtet sie die Wände, hält Ausschau nach Rissen und malt sich Fluchtwege aus. Nach Port-au-Prince will sie auf keinen Fall zurück. Die anderen Mädchen nicken zustimmend. Bloß nicht zurück nach Port-au-Prince. Doch eines hasst Sabine-Carla: „je déteste qu’on m’appelle une sinistrée“ – sie will nicht als Erdbebenopfer bezeichnet werden. Anfangs, als sie nach Ouanaminthe kam, wehrte sie auch jede Frage nach ihren Erlebnissen ab. Sie wie auch die anderen Mädchen möchten normale Schulmädchen sein – bei den Salesianerinnen scheinen sie gut aufgehoben. Neue Freundinnen haben sie auch schon gefunden. Es kommt fast Begeisterung auf, als zwei der Mädchen feststellen, dass sie in Port-au-Prince auf der gleichen Schule waren. Namen werden ausgetauscht, Neuigkeiten abgefragt. Nur ein Mädchen will nichts sagen. Mit verschlossenem, unbeweglichen Gesicht sitzt sie in ihrem blauen Schulkleid auf dem Stuhl. Stumm. „Viele, vor allem die größeren Kinder sind traumatisiert“, sagt die Schulleiterin Schwester Marie-Daniel. „Wir versuchen ihnen so gut wie möglich zur Seite zu stehen.“ Weiterlesen