Brasilien: Die Freiheit zu Verschmutzen

Ein seltsames Heer starrer Figuren durchzieht den Flamengo-Park von Rio de Janeiro mit dem Postkartenzuckerhut im Hintergrund. Der dänische Skulpteur Jens Galschiot hat seine Werke inklusive einer blauen Freiheitsstatue Marke New York aus Europa hierher zum „People’s Summit“ gebracht, dem Gegengipfel zur „Rio+20“ Konferenz im fernen Riocenter, am anderen Ende der Stadt. Die Message verbreitet er auf Flugblättern: „Freedom to Pollute – die Freiheit zu Verschmutzen“. Weiterlesen

„Alleine sind wir nichts“

Bienvenidos al Parque Nacional Chaco!

Bienvenidos al Parque Nacional Chaco!

Resistencia, 22. November 2011, 6 Uhr. Früh aufgestanden, trotz später Ankunft. Aber was ist spannender, als über den Urwald Südamerikas zu fliegen. Eigentlich geht‘s darum, sich ein Bild von den Massenrodungen im Chaco zu machen, aus denen dann Sojafelder werden. 100 000 Mio Tonnen werden pro Jahr in Argentinien angebaut. In ein paar Jahren sollen es 150 000 Tonnen werden. In der Provinz Chaco ist noch Platz. Der Preis liegt derzeit weit über 400 Dollar pro Tonne. Das bringt viel Geld. Sicher, auch der Staat kassiert, 35 %. Einiges fließt in Sozialprojekte. Aber das Problem der Armut in den Randlagen der Hauptstadt oder bei den Kleinbauern wird wohl trotz Kindergeld und Netbooks für die Schulkinder nicht gelöst. Ein strukturelles Problem des marktliberalen Kapitalismus, hat uns Nobelpreisträger Perez Esquivel in Buenos Aires erklärt. Der Künstler, der am 26. November 80 Jahre alt wird, ist Anhänger der Befreiungstheologie. Vor etwa 20 Jahren hat er das berühmte Hungertuch gemalt. Aber wer kann das „System“ aufhalten? Beim Warten auf den Bus kommen so manche Gedanken. Vielleicht geben ja die Leute vor Ort eine Antwort, die Aktivisten von INCUPO oder die Nationalparkwächter, die wir nach dem Flug treffen wollen. Verkohlte Baumstümpfe und gefällte Urwaldriesen vor Augen fällt mir eine Fußnote ein, aus einem geschmähten Buch, auf das sich in den 70er Jahren auch die Befreiungstheologen stützten, neben der Bibel. Das Zitat stammt von P.J. Duning aus dem Jahr 1860 und charakterisiert das Wesen von Profit: „50 Prozent positiv und waghalsig, für 100 % stampft es alle menschlichen Gesetze unter den Fuß … 300 % …“ Weiterlesen

Bolivien: Besuch in TIPNIS

Wir werden bereits erwartet. Als das kleine Flugzeug sanft auf der Graspiste von Santíssima aufsetzt, sehen wir schon die Menschentraube. Die fünf Schwestern des peruanischen Ordens „Jesus, Verbo y Victima“ haben gut 50 Kinder aus der Schule des Urwalddorfes mit an die Landebahn gebracht. Freudiges Winken und Händeschütteln, dann klettern die Kinder schon neugierig auf den Tragflächen der Cessna herum.
Wir sind in TIPNIS, Boliviens letztem Urwaldparadies, dessen Schutz sich derzeit so viele Menschen auf ihre Fahnen geschrieben haben. Sieben Bewohner aus Santíssima haben an dem Marsch nach La Paz teilgenommen, der Präsident Evo Morales dazu gezwungen hatte, den Bau einer Fernstraße mitten durch den Park zu stoppen. Zurück sind die Helden noch nicht. Heute oder morgen wollen sie aus La Paz aufbrechen. Ihre Frauen und Kinder erwarten sie bereits sehnsüchtig. Weiterlesen

Weniger Fische, weniger Regen

Choluteca. Fischer Ramón ist heute nicht aufs Meer gefahren. “Man fängt ja doch nichts”, sagt er resigniert und blickt auf den Golf von Fonseca im Dreiländereck zwischen Nicaragua, El Salvador und Honduras. “Seit Hurrikan Mitch hat sich hier alles verändert. Die Fische sind rar geworden, und der Meeresspiegel ist gestiegen.” Bei Flut und starkem Wind wird jetzt immer häufiger seine windschief auf Stelzen stehende Holzhütte direkt am Strand überschwemmt. Mit dem Fischerort Cedeño im Süden von Honduras ist es in den letzten zehn Jahren seit Mitch wirtschaftlich bergab gegangen. Auch drei Fahrtstunden vom heissen Meer entfernt, im Bergdorf Ojo de Agua hat sich das Klima verändert. “Früher war es hier um diese Jahreszeit richtig frisch”, sagt der Bauer José. “Heute kann man hier sogar Mais anbauen.” Doch die Wärme hat auch ihre Schattenseiten: es regnet viel weniger als früher. “Der Mais vertrocknet häufig, und unser Brunnen zuhause hat kaum noch Wasser”, klagt Josés Frau. Von Kopenhagen haben weder Fischer Ramón noch Bauer José jemals gehört.  Beide haben weder ein Auto, noch eine Waschmaschine, nicht einmal einen Gasherd. Gekocht wird mit Holz. Aber der Klimawandel ist für sie eine greifbare, dramatische Realität: Ihre Kinder sehen keine Perspektive mehr in ihren Heimatdörfern und gehen fort – in die Armengürtel rund um die grossen Städte oder gleich in die USA. Weiterlesen