Kuba: Der Jesus im Wasserglas

Der kleine zahnlose Mann will die Hand von Bischof Wilfredo Pino Estévez gar nicht mehr loslassen. Immer wieder streicht er über das Kreuz, das Monseñor um den Hals trägt und rüttelt etwas übertrieben am Unterarm des Geistlichen. Ganz schön hartnäckig! Aber der Bischof scheint das zu kennen. „Dieser Mann ist ein Santero”, erklärt er uns, nachdem der Alte, nach mehreren kräftigen Schulterklopfern, endlich von ihm abgelassen hat.

“Santería“, so nennt man in Kuba den Glauben, den einst die Sklaven aus Afrika mit auf die Karibikinsel brachten. Die Kolonialherren verboten den Zwangarbeitern die Ausübung ihres Glaubens, ließen sie taufen und verbannten die Darstellungen ihrer Götter. Aber die Menschen wussten sich zu helfen: Sie besetzten – wie in anderen Ländern Lateinamerikas auch – die Heiligenfiguren aus dem katholischen Glauben kurzerhand mit den Charakteren ihrer Götter. Weiterlesen