Überleben in El Chorrillo

Häuser im Armutsviertel El Chorrillo, Panama Stadt

In dem von Adveniat finanzierten Pick Up mit Doppelkabine lässt es sich gut und sicher reisen – meinen wir. Der Besuch in dem von den Mercedariern geführeten Sozialwerk der Pfarrei für Kinder und Alte inmitten des berüchtigten Problemviertels El Chorrillo, nahe der Altstadt von Panama-City, war sehr eindrucksvoll. Die beiden Padres aus Spanien leben in einem Ambiente, wo sie täglich aus nächster Nähe mit Gewalt und Übergriffen konfrontiert sind.

Wir drei Frauen und Padre Francisco sind auf dem Rückweg durch die löchrigen und vermüllten Straßen dieses Barrio, als plötzlich von der Seite her ein junger Kerl gegen das Auto knallt, der Padre deshalb langsamer fährt und dann – schneller als man überhaupt denken kann – der Griff von einem anderen Jungen in das geöffnete Wagenfenster, der zielsicher die Handtasche vom Boden des Wagens herauszerrt und wie ein Blitz davonrennt in einen Hauseingang hinein. Der Padre hält an, ruft auf seinem Handy die Polizei und geht unerschrocken durch das Gewimmel von Kindern und herumlungernden Jugendlichen in das Haus hinein.

Menschenauflauf, als nach einigen Minuten zwei Polizeiautos mit sechs Schwerbewaffneten eintreffen, die mit Getöse das Labyrinth von Gängen und Hinterhüfen durchstreifen und die Ecken dieses heruntergekommen Hauses absuchen. Niemand hat etwas gesehen, natürlich nicht. Nach dem ersten Schreck sind wir vor allem in Sorge um den Padre, falls die Gewalt jetzt eskalieren sollte.

Da taucht ein großer dunkelhäutiger Mann auf, der auf den Padre zugeht und ihn mit Handschlag begrüßt. Es ist Fernando, der ihn aus dem Knast kennt, wo er noch vor kurzem eingesessen und von Padre Franciscio Unterstützung erfahren hat. Fernando will Abhilfe schaffen in dieser Sache, sagt er. Inzwischen hat die Polizei die Ausgeraubte selbst ins Haus gerufen zum Zweck einer Gegenüberstellung. Nein, sie kann keinen der vielen Jungen als Täter erkennen, Gott sei Dank, denkt sie, wie sollte man in dieser Welt von Miseria und aufgeheizten Emotionen einen Schuldigen ausmachen! Geistesgegenwärtig wie sie ist, redet sie mit den aufgebrachten Leuten, lässt sich von den Kindern anfassen, und macht deutlich, dass ihr grösstes Unglück in diesem Moment der Verlust ihrer Sonnenbrille sei. Von den zahlreichen Dollar- und Euroscheinen im Portemonnaie ist nicht die Rede.

Als wir El Chorrillo verlassen und wieder eine Asphaltstrasse erreichen, ist es schon dunkel. Wir fahren auf die gigantische Skyline von Panama-City zu mit ihren kühn konstruierten Hochhäusern und der amerikanischen Glitzerwelt von riesigen Malls und internationalen Hotelketten. Ein unvorstellbarer Kontrast. Was für eine Provokation müssen diese Gringas in diesem Barrio gewesen sein, sagen wir uns, leichtsinnig obendrein, das Autofenster zu öffnen, nur um besser ein Foto schießen zu können…

Zwei Stunden später klopft es an der Haustür des Pfarrhauses, wo wir wohnen und unsere Geschichte in allen Einzelheiten rekapitulieren. Fernando ist gekommen, in der Hand eine  Plastiktüte mit der Sonnenbrille, den Scheckkarten nebst der Pfefferminzpastillen-Dose. Austausch von freundlichen Worten, ja, der junge Dieb sei ein Experte, sagt Fernando lächelnd. Er geht zufrieden mit einem Schokoladengeschenk aus Alemenia fria nach Hause. Ein Deal, jeder hat etwas gewonnen in dieser unglaublichen Geschichte. Wer weiss, wozu sie gut war.

Text: Ursula Bernauer, Elisabeth Freitag, Stefanie Hoppe