Um den Schlaf gebracht

Barrio Unido in Montevideo

Barrio Unido in Montevideo

„Morgen komme ich mit deutschen Journalisten ins Barrio. Sie wollen über eure Situation berichten, weil viele Menschen in Deutschland denken, es gibt keine Armut in Uruguay.“ So hat uns Schwester Mariana Marguery angemeldet bei den Menschen im Barrio Unido, eines von 300 Armenvierteln in Montevideo. Im Schritttempo rumpelt das Auto der Ordensfrau durch das Labyrinth zwischen den Wellblechhütten. Überall kommen die Frauen und die Kinder aus den Häusern gelaufen, winken und rufen Mariana hinterher. Jeder im Barrio kennt die 53-Jaehrige.

Barrio Unido in MontevideoWir stellen das Auto ab und gehen zu Fuß weiter. Die Armut schlägt mir ins Gesicht: Nichts ist aus einem Stück – alles ist irgendwie zusammengeschustert, alles ist dreckig, alles ist voller Fliegen. Rund um die Häuser wachsen Müllberge – die Haupteinnahmequelle des Barrios: Einen Peso (weniger als 4 Cent) gibt es pro Kilogramm Altpapier. Mindestens 14 Stunden am Tag schuften die Männer – eine Knochenarbeit, die sich auf ihren Körpern abgezeichnet hat.

Rosana Falcon

Rosana Falcon

„Wir leben hier alle vom Müll sammeln“, erzählt mir Rosana Falcon. Die kräftige Frau mit den stahlblauen Augen lebt seit zehn Jahren im Barrio. Das Hauptproblem sei eben, dass es keine Arbeit für die Menschen gibt. „Wir sind alle Tagelöhner“, sagt die 43-Jaehrige. Daraus resultiere natürlich die katastrophale Wohnsituation. Viele Menschen haben hier kein Bad, keine Küche, nur ein Bett für die ganze Familie. Viele sind Analphabeten.

„Wenn ihr in Deutschland denkt, es gibt keine Armut hier, habt ihr euch geirrt“, sagt Rosana mit ihrer lauten Stimme und lacht – ein ehrliches und ansteckendes Lachen. Keine Spur von Selbstmitleid. Die einfache, sehr schlaue Frau weiß ganz genau um ihre Situation. „Danke, dass ihr euch für uns interessiert und so viele wichtige Fragen gestellt habt“, sagt sie zum Abschied.

… Abends denke ich noch lange nach über Rosana und die Menschen im Barrio Unido. Ehrlich gesagt, haben sie mich um den Schlaf gebracht. Mitleid brauchen sie nicht, sondern Menschen wie Mariana, die einen Weg aus dem Labyrinth wissen.

Text: Carolin Kronenburg
Fotos: Achim Pohl