Unterwegs zum 12. Treffen der Basisgemeinden in Porto Velho (Amazonien)

Voller Überraschungen ist mein Weg zum Treffen der Basisgemeinden Brasiliens (Comunidades Eclesiais de Base-CEBs), das erstmals im Amazonasgebiet stattfindet, nämlich in Porto Velho, der Hauptstadt des Bundesstaats Rondônia. Im Flieger von Frankfurt nach São Paulo treffe ich die langjährige Freundin Gleice. Sie lebt in Porto Velho und kehrt gerade von einer Europareise zurück, auf der sie eine Gruppe von fünf indigenen Völkern der Region begleitet hat. In verschiedenen Völkerkundemuseen fanden Besuche und Workshops statt, in denen es um die Kunst des Federschmucks ging. Die Begegnungen waren ein Geben und Nehmen, denn die Indigenen entdeckten in Exponaten und auf Fotos Techniken von Vorfahren und anderen Völker, die aufgrund der vielfältigen Bedrohungen heute nicht mehr praktiziert werden. Ebenso wie Sprache, Religion, Tanz und Musik – erklärt Gleice – ist der Federschmuck bis heute bei einigen Indígenas ein Element kultureller Ausdruckform, das eine wichtige Rolle für die Identität spielt und damit für den Überlebenskampf dieser Völker.

Im Wartesaal am Flughafen in São Paulo dann die nächste Überraschung: ich treffe die Kollegin Christiane aus dem Bistum Würzburg, die ebenfalls unterwegs ist zum Treffen der CEBs. Sie hat in den 1980er Jahren in Brasilien gearbeitet, u.a. beim Indianermissionsrat CIMI. Christiane berichtet von Trauer und Bestürzung beim CIMI angesichts des plötzlichen Tods von Gunter Kroemer, CIMI-Missionar und Projektpartner Adveniats (vgl. auch Nachruf auf der Internetseite Adveniats). Später erfahre ich in Porto Velho, dass man während des Treffens Moment Gunter Kroemer würdigen wird, der vor kurzem noch einen wichtigen Beitrag über CEBs und indigene Religionen geschrieben hatte.

Als wir uns in Brasília zum Weiterflug nach Porto Velho begeben, fragt Christiane plötzlich: „Ist das nicht Leonardo Boff?“ Allem Anschein nach ist auch der 70-jährige brasilianische Theologe zusammen mit seiner Frau Márcia Miranda auf dem Weg zum Treffen der CEBs. Für sie stellt er seit Jahrzehnten eine der wichtigen Leitfiguren dar. Man sieht Leonardo Boff an, wie ihm das Gehen wegen eines langjährigen Handicaps schwer fällt. Ich kann mich gut an einen Protestmarsch während des Weltsozialforums 2003 erinnern. Auch dort hatte sich Leonardo Boff unter die Menschenmassen gemischt und bei sengender Hitze zusammen mit tausenden Frauen und Männern auf den Straßen in Porto Alegre für eine gerechtere Welt demonstriert.

In den letzten Tagen hatte ich Email-Kontakt zu zwei Projektpartnern Adveniats in Brasilien. Schwester Petra bewirkt seit vielen Jahren als Rechtsanwältin und Seelsorgerin Wunder mit Strafgefangenen und deren Familien in einer Millionenstadt in Zentralbrasilien. „Es ist schon merkwürdig“, schreibt sie. „Ihr macht Euch von Europa aus auf den Weg zum Basisgemeindetreffen und wir hier nicht. Nun ja, im Gefängnis gibt es keine CEBs, und im übrigen sitzen die Gefangenen hinter Gittern und dürfen nicht reisen.“ Ihre nachdenklich stimmenden Worte machen mir deutlich, wie ausgeschlossen von der Mehrheitsgesellschaft die Strafgefangenen sind.

Sehr nachdenklich macht mich auch das, was mir ein Pfarrer mailt, der zu den Gastgebern eines CEBs-Treffens während der Zeit der Militärdiktatur in Brasilien (1964-1985) gehörte. Zu seinem Schutz möchte ich den Namen hier nicht nennen. Er schreibt: „damals war noch die Geheimpolizei an der Tür des Hauses und ein Kapuziner-Bischof (…), der alles aufgenommen hat, was gesagt wurde und durch einen Priester weiter gab an die Geheimpolizei. Damals versuchte ich seinen Koffer zu öffnen um die Bandaufnahmen zu löschen, doch als ich den Koffer öffnete war nichts anderes im Koffer als seine Hängmatte. All diese Umstände haben mich damals so stark mitgenommen, dass ich nie wieder zu einem CEBs, trotz wiederholter Einladungen, gegangen bin.“

Was der Pfarrer sagt, klingt nach Vergangenheit, die mit der Gegenwart nicht viel zu tun hat. Das Gegenteil aber ist der Fall: In Brasilien hat bis heute keine gesellschaftsversöhnende Bearbeitung der 21 Jahre Militärdiktatur begonnen. Gerade die in Basisgemeinden, Katholischer Arbeiterjugend, der Katholischer Aktion und Studentenseelsorge Engagierten waren der Verfolgung durch das Regime ausgesetzt. Aus ihren Reihen kommen überdurchschnittlich viele Gefolterte, Ermordete und ins Exil Vertriebene. In Politik, Justiz, Militär und Polizei gelten weiterhin Prinzipien aus der Zeit der Militärs. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einer aus der Katholischer Arbeiterjugend stammenden Frau während meines Aufenthalt in São Paulo. Sie weist darauf hin, dass es in den letzten Jahren seitens staatlicher Instanzen teils sehr massive Anfeindungen gegenüber den sozialen Bewegungen in Brasilien gibt, die auf eine Kriminalisierung abzielen. Bekanntestes Beispiel dafür ist die Landlosenbewegung MST. Die Gesprächspartnerin geht fest davon aus, dass auch in Porto Velho die Geheimpolizei mithören wird, denn schon immer gehörten die CEBs-Engagierten auch zu den Aktiven der sozialen Bewegungen.

Autor: Norbert Bolte

Porto Velho, 20.07.2009