Venezuela: Pfeil und Bogen für Thomas Wieland

Was ist Glück? Bis ins Letzte werden wir das auch in diesem Blog-Beitrag nicht klären. Wer aber einen rundum glücklichen Leiter der Länderreferate von Adveniat sehen möchte, kann das erreichen, indem er ihm „nur“ sieben erst- oder einmalige Erlebnisse in knapp drei Tagen ermöglicht.

Beim Volk der Yanomami im venezolanischen Vikariat Puerto Ayacucho schwebte Thomas Wieland im siebten Himmel – was bei seinen Begleitern zunächst ehrliche Mitfreude auslöste. Doch die rhetorische Frage: „Toll so ein echter Bogen mit den drei verschiedenen Typen von Pfeilen der Yanomamis, oder?“, führte mit der Zahl ihrer Wiederholungen bei Reiner Wilhelm, Venezuela-Referent von Adveniat und mir auf immer deutlich vernehmliches Murren. Doch das stört keinen großen Geist in der Fülle seiner Glückseligkeit. Klar, auch ein echter Fächer und ein handgeflochtenes Körbchen dieses indigenen Volkes sind toll. Aber: Pfeil und Bogen…

Doch der Reihe nach: Kaum sind wir in Puerto Ayacucho angekommen, sitzt Thomas Wieland auch schon im Studio des Radiosenders „Raudal Esterio“ und gibt ein Live-Interview. Zum ersten Glücksmoment wurde dies eine Stunde später beim Gang über den Platz vor der kleinen Kathedrale der Hauptstadt des vom Rest Venezuelas nahezu vergessenen Bundesstaats Amazonía. „Wir haben Sie bereits im Radio gehört“, schallt es ihm dort entgegen. Die Steigerung ließ nicht lange auf sich warten. Der Flug zur Missionsstation am oberen Orinoco mitten im Gebiet der Yanomami, deren verschiedenen Gruppen sowohl in Venezuela als auch im brasilianischen Amazonas-Gebiet leben, wird zum unvergessliche Erlebnis. Pilot Fernando setzt zum atemberaubenden Manöver an. Keine zehn Meter über dem Wasser folgt er den Kurven des Flusses bis er nach einigen Minuten des Nervenkitzels die Piper steil nach oben zieht.

Wildschwein oder Wasserratte? – Hauptsache glücklich!

In der Missionsstation Ocamo geht es dann Schlag auf Schlag: Die Salesianer-Schwestern bieten ihren Gästen ein tolles Mal. Ob es sich beim Fleisch des am Vortag geschossenen Lapa nun um ein kleines in der Nähe des Wassers lebendes Wildschwein handelt oder doch eher um eine große Ratte, darüber gingen die Meinungen am Tisch auseinander. Keine zwei Meinungen gab es darüber, dass es köstlich war! Auf dieses erstmalige kulinarische Erlebnis folgt das Volleyball-Spiel mit einigen Yanomami-Mädchen. Wer wird davon einmal seinen Enkelkindern erzählen können, abgesehen von mir – natürlich der Leiter der Länderreferate! Wer bis hierher richtig mitgezählt hat, weiß, dass das Sauna-Bad im Ocamo, einen Nebenfluss des Orinoco, zum fünften Glücksmoment werden wird. Hatte Bischof Divassón noch behauptet, es tummelten sich Rochen im flachen Wasser, gaben die Schwestern Entwarnung. Keine zwei Minuten später stürzt sich Thomas Wieland auch schon in die Fluten, um festzustellen, dass Schwimmen bei einer Tiefe von dreißig Zentimetern schlicht vergeblich ist. Zudem führen allzu starke Bewegungen im Wasser mit annähernd Sauna-Temperatur höchstens zu Schweißausbrüchen. Aber wer wird davon einmal seinen … (siehe oben)

Und dann die große Begrüßungszeremonie mit der Übergabe von Pfeil und Bogen. Welche handwerkliche Kunst für ihre Herstellung von Nöten war, zeigt bereits der Probeschuss. Trotz des kritischen Blicks des Yanomami malt der Pfeil – das muss man bei allem Neid zugeben – eine perfekten Bogen: Vom Abschuss der gespannten Sehne bis er sich in den Boden des Fußballplatzes bohrt. Zum vollkommenen Glück fehlt da nur noch die perfekte Landschaft. Doch die eröffnet sich nach einem weiteren Flug in die Gran Savana: Hier präsentieren sich dem Auge malerische Tafelberge in Form eines Kegels oder einer Burg mit fünf Türmen. Kein Wunder also, dass nicht nur Thomas Wieland, sondern auch seine beiden weißen Brüder – ohne Pfeil und Bogen – ihr Glück kaum fassen konnten.