Venezuela: Probleme, die bislang ungelöst sind

Nach seiner Rückkehr aus Kuba am vergangenen Donnerstag hat Hugo Chávez keinen Zweifel daran gelassen, dass er krank war. Nun behauptet er, er habe den Krebs bezwungen. Seine Ärzte bestätigen dies einmütig. Dennoch verzichtete er während seines letzten Auftritts am Wallfahrtsort Santo Cristo de la Grita in der Diözese San Cristóbal auf das Bad in der Menge und scheint durch die Behandlung noch sehr angeschlagen. Bereits nach Bekanntwerden seiner Krankheit änderte er seinen Schlachtruf „Patria, Socialismo o Muerte“, Vaterland, Sozialismus oder Tod, auf „Vivieremos y Veneremos“, wir werden leben und wir werden siegen. Daneben fällt auf, dass das Bild des Präsidenten fast völlig von der Straße verschwunden ist. Bei früheren Besuchen war Hugo Chávez quasi omnipräsent in allen Aktionen und Werken. Man habe feststellen müssen, dass die Arbeiten nicht so verliefen wie geplant, viel Geld in dunkle Kanäle verschwand und auch die Qualität der Arbeiten zu Wünschen übrig ließ, so meine Gesprächspartner. Die Propaganda hatte sich schließlich ins Gegenteil gewandelt. Aus diesem Grund habe der Präsident selbst angeordnet, die Plakate zu entfernen.

In der Tat hat Venezuela Probleme, die bislang ungelöst sind. So sind die Stromausfälle vielerorts Alltag, die Straßen leiden unter dem fehlenden Unterhalt und sind teilweise in sehr schlechtem Zustand. Die Regenfälle, die immer noch andauern, verursachen neue Schäden. Große Umwege und lange Fahrzeiten muss man inzwischen einplanen. Überall ist offensichtlich, das nur geringe Mitteln in den Ausbau eines modernen Straßennetzes investiert wurde. So verharrt die Infrastruktur auf dem Stand der 70er Jahre und die Staus werden immer länger.

Die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln ist zwar gesichert, aber alles hat seinen Preis. Einer meiner Gesprächspartner erzählte mir, dass in Venezuela der Kapitalismus regiert, während es sich nach außen sozialistisch gibt. Das Preisniveau ist wesentlich höher als in Deutschland, auch wenn bzw. trotzdem man den Umtauschkurs auf dem Parallelmarkt zugrunde legt.

Nirgendwo auf der Welt ist das Fliegen gefährlicher als in Venezuela. Der Flugzeugpark ist völlig überaltert und das Geld für Ersatzteile fehlt. Hinzu kommt eine hohe Inflation, die offiziell um die 27 % liegt, während die Löhne jährlich um nur 10 % staatlich verordnet steigen. Die nächste Lohnerhöhung steht an, aber auch die nächste Preiserhöhung. Sie wird für Dezember dieses Jahres oder spätestens Januar 2012 erwartet.

Dennoch befindet sich im Land weiterhin viel Geld. Die Straßen sind voller Autos, was bei einem Preis von wenigen Euro-Cent für einen Liter Benzin nicht verwundert. Viele der wohlhabenden Unternehmer bleiben im Land und machen weiterhin gute Geschäfte. Das Risiko bestimmt den Preis. Daher ist die Kapitalflucht trotz staatlicher Restriktionen hoch. Ob sich so ein neues Venezuela bauen lässt, in der die Armut verringert werden kann, bleibt letztlich die Frage, auf die die Regierung Chávez bislang keine umfassende Antwort gegeben hat.