Verwirrende Natur

Es hat wieder die ganze Nacht geregnet. Normalerweise sei Februar kein Monat, in dem es so viel regnet, sagen die Schwestern, „doch alles ist durcheinander mit der Natur, es gibt keine Regeln mehr.“ Es ist ein kräftiger, unnachgiebiger, tropischer Regen. Frage mich, wieviele Hütten völlig durchnässt sein müssen.

Beerdigungen

Ich musste nochmals an die zwei Beerdigungen denken, die wir in Ounaminthe gesehen haben. Lange Beerdigung in OuanamintheProzessionen von Angehörigen, Freunde und Nachbarn, alle elegant gekleidet. Männer in dunklen Anzügen tragen den Sarg, es wird viel gesungen, auch eine Blaskapelle ist manchmal dabei. Bei der Beerdigung der Mutter einer Lehrerin waren alle Schulklassen und die gesamte Lehrerschaft anwesend. Die Leute scheuen keine Mühe, um die Toten angemessen zu verabschieden. Wie schlimm muss es für die Menschen in Port-au-Prince sein, die ihre Angehörigen nicht begraben konnten!

Die Frau unterm Mangobaum

Denis Joseph (mit grünem Top) aus Port-au-Prince mit ihrer Gastfamilie Auch eine Frau will mir nicht aus dem Kopf. Denis Joseph, 31 Jahre. Sie hat ihren Mann und ihre beiden Jungen beim Erdbeben verloren. Sie ist nach Ouanaminthe gekommen, weil ihre Tante in Cap Haitien wohnt. Doch sie hat nicht die Kraft weiterzureisen. Den ganzen Tag sitzt sie auf einem kleinen gelben Stuhl unter einem niedrigen schattenspendenden Mangobaum bei den Leuten, bei denen sie untergebracht ist, und schaut ins Leere. Ihre Gastgeber bringen ihr zu essen, versuchen mit ihr zu sprechen. Doch Denis antwortet kaum. Sie sitzt und schweigt. Die Trauer lähmt sie.

Die Hilfe aus dem Nachbarland

Wir haben Padre Regino Martínez getroffen. Er ist Leiter der Menschenrechtsorganisation „Solidaridad Padre Regino Martínez aus DajabónFronteriza“ und einer der Menschen, die trotz vieler Kritik, die manchmal ihn mir für die Institution Kirche gärt, mich mit ihr versöhnt. (Ein kleines Porträt über den außergewöhnlichen Mann findet sich im Reportageheft Kontinent der Hoffnung – Haiti, das 2009 erschienen ist: „Padre Reginos radikale Option für die Armen.“). Regino und seine Mitearbeiter und ehrenamtliche Unterstützer arbeiten seit Jahren schon für einen besseren Schutz haitianischer Migranten in der Dominikanischen Republik und prangern Menschenrechtsverletzungen an der Grenze an. Und Padre Regino hat sich nie gescheut, den Rassismus und die populistische Migrationspolitik seines Landes zu kritisieren.

Umso glücklicher und voll des Lobes für sein Land ist er seit dem Erdbeben. Die spontane Hilfsbereitschaft und Solidarität der Dominikaner für die Haitianer ist enorm gewesen – und auf allen Ebenen: Bevölkerung, Regierung, Kirche – alle haben schnell, koordiniert und großzügig geholfen. „Das zeigt, dass der anti-haitianische Diskurs und der Rassismus in der Dominikanischen Republik keine tiefen Wurzeln haben, sondern ideologischer, konzeptueller Natur ist“, sagt P. Regino. Selbst nationalistische Politiker hätten nachdrücklich zur Solidarität aufgerufen. Mittlerweile sei die große Welle spontaner, großzügiger Hilfe etwas abgeklungen und habe einer pragmatischeren, rationaleren Vorgehensweise Platz gemacht. Doch die Begeisterung bleibt: im Moment der höchsten Not bei den Nachbarn sind alle Vorbehalte, Vorurteile, Kritik und Abwehr gegenüber den Haitianern vergessen.

Vorletzter Tag

Morgen abend geht es zurück nach Deutschland. Es ist immer das Gleiche: vor der Reise plagen mich lauter Ängste (und ich jammere meinen armen Kollegen die Ohren voll), doch kaum steige ich am Zielort aus dem Flugzeug, ist es damit vorbei und die Zeit vergeht sehr schnell. Das hat mit den vielen neuen Eindrücken und Informationen zu tun, aber vor allem auch mit der enormen Gastfreundschaft, Herzlichkeit und dem Engagement unserer Projekt- und Gesprächspartner. Immer wieder bin ich äußerst beeindruckt von diesen Menschen, die beharrlich und mutig – jede und jeder auf seine Weise und oft unter widrigen Umständen – für bessere Lebensbedingungen kämpfen. Wir können viel von ihnen lernen.

Text: Verena Hanf

Fotos: Jürgen Escher