Visuelle Information nur für die Ferne

Während in Europa in den zehn Tagen nach dem Beben in Haiti unsere Medien voller Berichte, Bilder und Filme aus Port-au-Prince waren, haben die allermeisten Menschen in Ouanaminthe nur nach und nach mündlich davon erfahren. Zum einen waren die meisten Redaktionen in Port-au-Prince zerstört. Zum anderen gibt es hier in Ouanaminthe wie auch in vielen anderen ländlichen Gegenden Elektrizität nur für eine Minderheit – über Generatoren. Auch das ist eine Facette von Reichtum: Zugang zur schnellen Information. Arme sind davon ausgeschlossen. Eine Schwester kommentiert den Mangel an visueller Informationen aus Port-au-Prince sehr pragmatisch: „es ist vielleicht besser, die Bilder nicht zu sehen.“ Von schneller und unbürokratischer Hilfe hat es die Menschen in Ouanaminthe und auch in anderen Gegenden des Nordens nicht abgehalten. Und die Hilfe hat einen langen Atem. Schätzungsweise 10.000 Menschen sind bisher aus Port-au-Prince nach Ouanaminthe gekommen. Jeden Tag reisen weitere an.

Ungleiche Genzstädte

Straßenszene in OuanamintheOuanaminthe auf haitianischer Seite und Dajabón auf dominikanischer Seite sind nur wenige Kilometer voneinander entfernt. Doch die Unterschiede zwischen den beiden Städten sind immer noch augenfällig. Dajabón hat geteerte Straßen, Geschäfte, Hotels und Restaurants. Autos und Motorräder röhren durch die Straßen. Die Menschen sind überwiegend gut gekleidet und gut ernährt – trotzdem könnte man Dajabón nicht mit einer westeuropäischen Kleinstadt vergleichen). Nicht so in Ouanaminthe. Auch wenn sich Ouanaminthe in den vergangenen Jahren weiterentwickelt hat, bleibt die schnell gewachsene Stadt von Armut geprägt: Die meisten Wohnhäuser sind eher Hütten – bestehend aus ein oder zwei Zimmer, Holz- oder Steinmauern und Wellblechdächern. Gekocht wird vor oder neben dem Häuschen, das Wasser holt man sich an Brunnen. Fast alle Straßen sind ungeteert – jetzt, nach 24 Stunden heftigen Regens voller großer Pfützen, in denen Papiere und leere Plastikflaschen schwimmen. In einer Neben“straße“ sucht eine Sau mit ihren fünf Ferkeln nach Essbarem, etwas weiter drückt sich eine Ziege an eine Hauswand. Geschäfte gibt es kaum, dafür umso mehr Straßenhändler. Manche haben nur ein oder zwei Waren im Angebot – etwa geschälte Orangen. Überall sieht man Kinder, eines hübscher als das andere, aber die meisten von ihnen zu dünn und in Lumpen gekleidet. Einige sind sogar gänzlich unbekleidet – und wirken dadurch so entsetzlich verletzlich.

100 Dollar für ein SchuljahrSchulkinder in Ouanaminthe

Doch morgens sieht man auch viele, die in adretter Schuluniform, die Mädchen mit Schleifchen im Haar, fröhlich zur Schule gehen. „Nichts ist vielen Eltern wichtiger als der Schulbesuch. Morgens fasten manche, damit ihre Kinder etwas zu essen bekommen,“ sagt Schuldirektorin Marie-Daniel Rameau. Doch Schule ist teuer. Als Rameau im vergangenen Jahr die Schulkosten um 200 Gourdes erhöhen musste, kamen 48 der mehr als 500 eingeschriebenen Kinder nicht mehr zur Schule.

Nach Auskunft der Schwestern von Saint Jean, die sich um die Unterbringung von rund 1000 Schulkinder aus Port-au-Prince in den örtlichen Schulen kümmern, belaufen sich die Schulkosten (Einschreibung, Hefte, Bücher)  pro Jahr und pro Kind  auf etwa 100 Dollar. Viel Geld in einem Land, in dem die Mehrheit mit weniger als zwei Dollar pro Tag auskommen müssen. Und unbezahlbar für Menschen, die beim Erdbeben alles verloren haben.

Text: Verena Hanf

Fotos: Jürgen Escher