Kolumbien: Vom Guerillakämpfer zum Normalbürger

Ausschnitt aus dem Denkmal für die gefallenen Soldaten in Bogota. Fotos: Jürgen Escher

Unser letzter Tag in Kolumbien. In den letzten zwei Wochen sind wir auf der Suche nach Ansätzen für eine Lösung des jahrzehntelangen Bürgerkriegs kreuz und quer durch das südamerikanische Land gereist, haben die Menschen gefragt, was für sie „Gerechtigkeit und Frieden“ bedeutet. Denn genau so heißt das Motto der diesjährigen Jahresaktion von Adveniat.

Nun sitzen wir auf den Treppenstufen der Santiago-Kirche im südkolumbianischen Pasto und warten auf unseren letzten Gesprächspartner. Er ist spät dran. Die Sonne geht unter, es wird bitter kalt. Doch wir warten.

Dann erscheint er, ein freundlich lächelnder Mann Mitte sechzig, Vater von acht Kindern und aktive Stimme der Comuna 10, einer Ansammlung armer Viertel am Rande von Pasto, in denen 30.000 Menschen leben. „Entschuldigt die Verspätung“, Termine über Termine…

Das Denkmal „Schwerter zu Pflugscharen“ wurde komplett aus eingeschmolzenen Waffen erstellt.

Ein Vierteljahrhundert im Untergrund

Er sei schon immer jemand gewesen, der sich einmischt und was machen muss, sagt er lächelnd. „Mit neun war ich Kapitän unseres Fußballteams, später schloss ich mich Ordensleuten an, die sich um alte Menschen kümmerten. Und schließlich landete ich bei der Befreiungstheologie.“

Mitte der 60er Jahre sei ihm dann klar geworden, dass es keinen politischen Ausweg aus dem sozialen Drama gebe, dass viele Kolumbianer über sich ergehen lassen müssen. 1967 traf er schließlich einige Intellektuelle, die ihn überzeugten, sich der linken Guerrilla-Gruppe ELN anzuschließen. „Schau was für ein Zufall, es war genau hier auf dieser Treppe, hier traf ich diese Leute zum ersten Mal.“

Ein Vierteljahrhundert lang lebt er schließlich im Untergrund, im ständigen Überlebenskampf. 1994 entschließen sich Angehörige der ELN, die Waffen niederzulegen. Dazu gehört auch er. Der Übergang vom Guerrillakämpfer zum Normalbürger sei nicht so einfach gewesen, „bis heute habe ich einen Leibwächter um mich rum.“

„Veränderung muss auf friedlichem Weg kommen“

Heute denke er anders über den bewaffneten Kampf, heute glaube er fest daran, dass die Veränderung auf friedlichem Wege kommen muss. „Und in dieser Arbeit fühle ich mich heute wohl, fühle ich mich realisiert, trotz all der Widrigkeiten.“

Er hofft, dass demnächst auch die restlichen Guerrilleros ihre Waffen niederlegen werden. „Viele gute Leute werden den Dschungel verlassen; sie werden der Gesellschaft Impulse für ein besseres Leben geben können. Wenn sie ihre Waffen niederlegen, können sie für ein wirklich neues Kolumbien kämpfen.“

Derzeit verhandelt die Guerrilla-Bewegung FARC in Havanna mit Kolumbiens Regierung über die Niederlegung der Waffen. Bald schon könnte auch die ELN mit an den Verhandlungstisch kommen, glaubt er.

Wandbild in Bogota für den Frieden in Kolumbien.

Wandbild in Bogota für den Frieden in Kolumbien.

„Aus Friedensgesprächen müssen soziale Veränderungen folgen“

Doch er warnt davor, den Friedensgesprächen keine sozialen Veränderungen folgen zu lassen. „Der Friedensprozess in Havanna muss in unseren Stadtvierteln ankommen, wir müssen darüber nachdenken, was der Frieden für uns alle bedeutet, und dazu gehört Bildung für alle, gehört ein funktionierendes Gesundheitssystem in den Vierteln.“

Es ist dunkel geworden, die Straßenlaternen tauchen Pasto in gelbliches Licht. „Und wir müssen uns fragen, wo die Gründe für die Gewalt liegen, die Kolumbien bereits seit dem Jahr 1900 erschüttern. Und die mich zwangen, zu den Waffen zu greifen. Der Staat muss einsehen, dass er endlich in die Bürger investieren muss, damit es keine Gewalt mehr in Kolumbien gibt.“

Er steht auf und streckt uns die Hand entgegen. „Ich bin überzeugt davon, dass der Frieden möglich ist, und ich lade alle Kolumbianer ein, dabei mitzumachen.“ Er hält inne. Dann umarmt er uns und verschwindet in der Nacht.

Ausschnitt aus dem Denkmal „Schwerter zu Pflugscharen“. Es wurde komplett aus eingeschmolzenen Waffen erstellt.

Ausschnitt aus dem Denkmal „Schwerter zu Pflugscharen“. Es wurde komplett aus eingeschmolzenen Waffen erstellt.

„Schwerter zu Pflugscharen“

Wir fahren zurück ins Hotel, die Koffer müssen gepackt werden. Auf dem Weg zum Flughafen kommen wir an dem „Monumento a la Paz“ vorbei, einem aus Eisen und Bronze erschaffenem Mahnmal. Pastos ehemaliger Bürgermeister Antonio Navarro Wolff hatte es vor Jahren errichten lassen.

Wolff hatte sich in den 70er Jahren der bewaffneten Untergrundgruppe M-19 angeschlossen. Anfang der 90er Jahre legte er seine Waffen ab und wurde Politiker. Erst Bürgermeister von Pasto, heute ist er Senator.

Für das von Kolumbiens legendärem Bildhauer Rodrigo Arenas Betancur geschaffene Monument sollen die Bürger der Stadt damals Eisen und Kupfer gespendet haben, darunter auch Gewehre und Handfeuerwaffen. Noch heute erkennt man die halb eingeschmolzenen, in die Friedensskulptur verwobenen Waffen.

„Schwerter zu Pflugscharen“ denken wir. Dann verlassen wir Pasto. Adiós Colombia. Und viel Glück in einer hoffentlich besseren Zukunft.