Vom Leben im Müll

Kinder in der Pfarrschule bei der Essensausgabe Überall Müll, selbst aus der Straße, einem gestampften Weg, lugen Kunststofffetzen, Tüten und sogar der Rest einer Plastiksandale heraus.
„Unser ganzes Viertel ist auf Müll gebaut“, sagt Pfarrer Antoine-Marie Claret Léon. Fort St. Michel, das ist ein wachsender Stadtteil von Haitis zweitgrößter Stadt Cap Haitien. Das Viertel in einem Sumpfgebiet wächst dort, wo die Menschen Müll in den Sumpf und das wasser des Flusses hineinwerfen, um schließlich auf dem Unrat ihre Häuser zu errichten.

Elf Monate nach meinem letzten Besuch bin ich erneut in der Gemeinde „Nôtre Dame D’Altagrace“ in Fort St. Michel. Und Pfarrer Claret hat nichts von dem entschlossenen Geist verloren, den er schon im Juli vergangenen Jahres ausstrahlte. „Die Kirche ist wohl die einzige Institution, die sich für diese Menschen einsetzt“, sagt er und zeigt auf die Häuser, die inmitten der Müllberge und stinkenden Wasserlachen stehen: „Dies sind die Ärmsten der Armen. Sie zahlen sogar dafür, dass der Müll ihnen abgeladen wird.“ Straßenszene im Viertel Denn tatsächlich ködern die Familien, die ein Grundstück „trockenlegen“ wollen, die Fahrer der Müllabfuhr mit Geld, damit sie den Unrat dort ins Wasser kippen, wo später einmal ihr Haus errichtet werden soll.
Es sind vielfach alleinerziehende Mütter, die hier wohnen. „Viele Männer sind in der dominikanischen Republik, um dort Geld zu verdienen. Die Mütter bleiben mit den Kindern allein hier, und oft kommt das Geld ihrer Männer aus dem Ausland einfach nicht.“ Viele Kinder leiden und Unterernährung, fast alle an Mangelernährung. Nur jedes fünfte Kind kann eine Schule besuchen: „Für das Schulgeld haben die Familien meistens kein Geld.“
Die Pfarrei hat daher eine Pfarrschule eingerichtet. 250 Kinder lernen hier, und ein Freiwilligenteam bereitet ihnen täglich ein einfaches, warmes Essen — für die meisten Kinder die einzige Mahlzeit am Tag.der Pfarrer in Fort St. Michel, P. Claret mit M.
Meine Kollegin, Haiti-Länderreferentin Margit Wichelmann, schaut nach dem Fortgang der Adveniat-Projekte in der Pfarrei. Mit Hilfe aus Deutschland konnten die Pfarrkirche und das Pfarrhaus errichtet werden.
Wie so oft bei Neubauten, bleibt auch hier noch einiges zu tun.

 

 

 

Christian Frevel