Bolivien: Von La Paz zum Titicaca-See

La Paz

La Paz

Jeder Schritt schmerzt in den Lungen. Die Höhe! Wir stehen an den Ufern des Titicaca-Sees, dem höchstgelegenen kommerziell schiffbaren Gewässer der Welt. Zwei Stunden lang waren wir mit einem klapprigen Taxi von La Paz aus unterwegs, haben die hoch über der Hauptstadt gelegene Nachbarstadt El Alto durchquert, eine trostlose Aneinanderreihung noch trostloser Wohnbauten, die von einer hoffnungslos überfüllten und nach Dieselabgas stinkenden Strasse durchzogen wird.

Doch jetzt sehen wir alle zum ersten Mal den spiegelglatten See vor uns. Am Himmel ziehen ein paar Wolken malerische Streifen durch das satte Blau. Wir laufen den Bootssteg entlang, der Blick ist toll und wir wollen Fotos machen. Doch die zu schnellen Bewegungen rauben uns die Luft.

Schon als wir wenige Stunden zuvor auf dem 4.000 Meter hoch gelegenen El Alto Airport landeten, merkten wir, wie dünn die Luft hier oben in den Anden ist. Wir sollten unbedingt Coca-Tee trinken, hatte man uns vorher ans Herz gelegt. Das helfe dem Körper in der Höhenluft, da es die Sauerstoffaufnahme erleichtert. Wir hätten dem Rat folgen sollen.

Für die Bewohner der bolivianischen Anden gehört die Cocapflanze seit jeher zu ihren Grundnahrungsmitteln. Aber auch gegen Erschöpfung wirkt die Pflanze Wunder, weshalb viele Ureinwohner stets Blätter kauend anzutreffen sind. Lange Zeit mussten die Coca anbauenden Ureinwohner Boliviens, darunter die großen Volksgruppen der Quechua und Aymaras, um ihr Recht auf den Anbau der Pflanze kämpfen.

In den 80er Jahren versprach der damalige Präsident Hugo Banzer Suarez den USA, den Anbau komplett zu verbieten. Der daraus entstandene langjährige Konflikt zwischen der Regierung und den „Cocaleros“, den Cocaanbauern, forderte viele Todesopfer unter den Indigenen. Heute regiert mit Evo Morales Ayma ein ehemaliger Anführer der „Cocaleros“ in dem ärmsten Land Südamerikas.

Fischer am Titicaca-See

Auf dem Bootssteg sitzen zwei Fischer, Aymaras wie Morales. Ein Bruder sei der Präsident, einer von ihnen, erzählen sie uns. Deshalb müssten die Hochlandbewohner an seiner Seite stehen, besonders in schwierigen Zeiten wie diesen. Um Morales Präsidentschaft steht es derzeit nicht gut; er hat sich mit Ureinwohnern aus dem Tiefland angelegt, will dort eine Strasse durch ein Schutzgebiet bauen, obwohl das Land den Indigenen zusteht.

Angeblich, so hört man in La Paz, soll die Strasse den „Cocaleros“ neue Anbaugebiete erschliessen helfen. Ob es stimmt? Der Konflikt zwischen den Tiefland- und den Hochlandbewohnern ist tief in Boliviens Geschichte eingebrannt. Morales steht für das Hochland, und vielleicht geht er deshalb so rigoros gegen die meist in Opposition zu ihm stehenden Tieflandbewohner vor.

Drei Wochen werden wir durch Bolivien reisen, werden mehr über die inneren Konfliktlinien in diesem faszinierenden Land erfahren. Doch erst einmal müssen wir uns langsam an die Höhenluft gewöhnen. Unsere Köpfe schmerzen bereits, die Schritte werden behäbig. Zurück im Hotel im 80 Kilometer entfernten La Paz werden wir sofort einen Cocatee trinken, versprechen wir uns.

Die Fischer berichten uns noch über den fast leer gefischten See, der viele von ihnen arbeitslos gemacht hat. Tourismus? Das läuft ganz gut im Sommer, wenn die europäischen Rucksacktouristen hierher kommen, berichten sie. Doch gerade ist da auch Flaute. Und der einheimische Tourismus sei aufgrund der angespannten Lage im Land zum Erliegen gekommen.

Wir schauen auf den See. Bolivien gehört der kleinere Teil des Gewässers. Hinter den sich am Horizont abzeichnenden Inseln zieht sich die Grenze nach Peru durch den See. Hätten wir mehr Zeit, könnten wir die Inseln besuchen. Doch wir müssen zurück. La Paz wartet auf uns, ein gigantischer Talkessel, an dessen Steilhängen die Häuser der Armen wie Kletten zu hängen scheinen. Am Horizont thront derweil die Schnee bedeckte Andenkette majestätisch über allem. In ein paar Tagen soll ein Protestmarsch der Tieflandindios La Paz erreichen. Die Stimmung in der Stadt ist gespannt. Wir hingegen kurieren uns erst einmal mit Cocatee aus.