Warum die evangelikalen Kirchen in Lateinamerika wachsen

JE_Blog_4_1Wie eine Fußballarena liegt er an der Panamericana, südlich von Guatemala City. Umgeben von Hunderten Parkplätzen, mit breiten Wegen, die auf die Eingänge zulaufen. Aber dies ist kein Stadionneubau für die Fußball-Weltmeisterschaft, sondern der Tempel „Cash Luna“, benannt nach dem aus Argentinien stammenden Gründer einer evangelikalen Kirche. Innen befindet sich ein riesiger Versammlungsraum, ähnlich einem Amphitheater mit nach Oben reichenden Rängen und vorne einer großen Bühne. Hier finden sonntags Erweckungsgottesdienste statt, die live vom Fernsehsender übertragen werden, der der Kirche Cash Luna gehört.

„Die Gottesdienste entsprechen mehr dem Gefühl nach Gemeinschaftssuche, nach individueller Erfüllung und dem Versuch, das Heilige zu erleben“, urteilt die Anthropologin Maria Victoria García. „Hier finden sie das, was sie sonst vergeblich suchen.“ Die Religiosität ist hoch in Lateinamerika, der „Religionsmonitor“, den die Bertelsmann-Stiftung seit zehn Jahren veröffentlicht, zeigt, dass die Religion in den Ländern von Mexiko bis Feuerland die wichtigste Leitschnur für die Menschen ist.

Doch die katholische Kirche verliert hier Boden: So ging in El Salvador der Anteil der Katholiken von 76 Prozent an der Gesamtbevölkerung im Jahr 1996 zurück auf 47 Prozent im Jahr 2010. Tendenz: Weiter fallend. In Nicaragua sank die Katholikenquote im gleichen Zeitraum sogar von 77 auf 47 Prozent. Die Universität Rafael Landiver in Guatemala-Stadt, die von Jesuiten gegründet wurde, forscht seit einigen Jahren nach den Gründen für diesen Wandel. „Während die katholische Kirche Anhänger verliert, gewinnen vor allem die evangelikalen und Pfingstkirchen“, berichtet Karen Ponciano, die gemeinsam mit Maria Victoria García und anderen meist jungen Akademikern zum Thema arbeitet. Gründe für das Wachstum der Pfingstkirchen sieht sie vor allem in den Praktiken der Kirchen. Während die katholische Kirche zwar eine fundamental durchdachte Theologie und gute Pastoral habe, erreichten ihre Praktiken die Menschen nicht mehr. „Wer in einen der Megatempel der Sekten geht, wird von junger, dynamischer Musik abgeholt. Und er kann den Glauben singen, tanzen, herausschreien.“

JE_Blog_4_2Zudem wachsen die Sektenkirchen in allen Vierteln wie Pilze aus dem Boden. „Garagenkirchen“ werden sie auch genannt, weil viele evangelikale Pastoren ihr „Gotteshaus“ einfach in einer Garage eröffnen, in die sie Plastikstühle stellen und einen lauten Verstärker für ihr Mikrofon. In den Armenvierteln, den Barrios von Gautemala Ciudad, sind die verschiedenen evangelikalen Gruppen schneller und deutlich stärker präsent als die katholische Kirche – auch weil diese nicht genug Personal hat. Die Zahl der Priester ist viel zu niedrig, und das (fundierte) Studium dauert im Vergleich zur Ausbildung der evangelikalen Pastöre deutlich länger.

Innerhalb der katholischen Kirche, die längst von den Gläubigen als monolithischer Block wahrgenommen werde, wie Karen Ponciano sagt, gibt es seit Jahren die wachsenden charismatischen Gruppen, die ähnlich den evangelikalen Kirchen die Gläubigen mit Leib und Seele ansprechen. Doch entfernen sich diese Gruppen immer stärker vom Engagement der katholischen Kirche in der Gesellschaft, also für die Armen, Kranken, Alten und Ausgegrenzten. Die Untersuchungen der Universität Rafael Landiver zeigen, dass Anhänger der evangelikalen und Kirchen und charismatischen Gruppen eher rechts wählen, die „klassischen“ Katholiken, die sich auch in der Gesellschaft engagieren, eher links.

JE_Blog_4_8Die Bischöfliche Kommission Adveniat beschäftigt sich seit mehr als einem Jahr mit den Transformationsprozessen der Moderne in Lateinamerika, so auch dem religiösen Wandel. Für die Mitglieder und Berater der Kommission, die sich in El Salvador und Guatemala über die wachsenden evangelikalen Kirchen und die Antworten der katholischen Kirche darauf informieren, ein spannender Vormittag. „Was hier passiert, hat seine Gründe auch in der Globalisierung“, sagte Bischof Franz-Josef Overbeck. Das Thema werde die Kommission Adveniat och länger beschäftigen.
Text: Christian Frevel
Fotos: Jürgen Escher