Was bleibt nach dem großen Treffen vieler „kleiner Leute“ in Porto Velho?

Das knapp einwöchige Treffen der Deligierten der Basisgemeinden Brasiliens (CEBs) hinterlässt vielfältige Eindrücke. Bei mir überwiegt zunächst einmal die Dankbarkeit für die Gelegenheit, ein Stück Weg mitgegangen zu sein, sei es in Arbeitsgruppen, in Ansprachen, während der täglichen Liturgie, in Gesprächen oder auf dem heißen Asphalt, dem der ursprüngliche Regenwald um Porto Velho zum Opfer gefallen ist.

Lebendigkeit.  Sofern die 3.000 Deligierten die 80.000 Basisgemeinden Brasiliens repräsentieren – und ich habe keinen Grund, daran zu zweifeln – kann man uneingeschränkt feststellen, dass diese sehr lebendig sind. Davon zeugen die Liturgiefeiern ebenso wie die kulturellen Höhepunkte und die verschiedenen Charismen der anwesenden Frauen und Männer aus dem ganzen Land. Prägend für die vielen Gespräche sind die für den Anderen offenen Augen, Ohren und Herzen. Das Bild des Unterwegs-Seins der CEBs drückte sich bisher in einem Zug aus, an den zu jedem bisher zwölf landesweiten Treffen ein Waggon angehängt wird. Hier in Amazonien fügt sicht das Bild des Kanus als Fortbewegungsmittel hinzu. Überall zu spüren ist die Sensibilität für die Orte, an denen das biblische „Leben in Fülle“ bedroht ist und der Wille, das Leben von seinen Bedrohungen zu befreien (Armut, Umweltzerstörung, Gewalt, Korruption, Unterdrückung von Frauen, Kindern, Indigener, Afrobrasilianern und anderen so genannten Minderheiten, etc.).

Treue zur eigenen Tradition. Der in den CEBs seit den 1960er Jahren praktizierte Dreischritt Sehen-Urteilen-Handeln ist nicht eine bloße Methode, sondern ein konkreter Weg, in der Nachfolge Jesus Christi zu leben, zu beten und zu handeln. Interessant war, dass in Porto Velho zunächst zwei Tage lang das Sehen der Wirklichkeit im Mittelpunkt stand. Am ersten Tag begegneten sich die Delegierten aus dem ganzen Land in bunt gemischten Arbeitsgruppen, um sich untereinander auszutauschen. Am zweiten Tag ging es darum, dass vor allem die aus anderen Regionen Brasiliens stammenden Teilnehmer/innen (das war die überwiegende Mehrzahl) konkrete Schritte taten, um die Realität in Porto Velho kennen zu lernen. Sie wurden – wiederum bunt gemischt – ausgesandt, um Menschen und Gemeinden in bedrohten Lebenskontexten zu besuchen: Peripherieviertel der 600.000-Einwohner-Stadt, Indígena-Dörfer, Siedlungen am Ufer des Rio Madeira, Gefängnisse, Jugendhaus, Krankenhaus, Kleinbauern, Quilombolas etc. Einer der Teilnehmer äußerte etwas sehr Interessantes: „Wir Brasilianer müssen erst einmal Amazonien kennen lernen.“ Aus der entgegengesetzten Perspektive sprach ein Referent: „Brasilien muss amazonisiert werden“. Bei den Besuchen vor Ort ging es auch um ein Üben der Weise, wie man als Fremder dem Neuen begegnet: nicht mit fertigen Rezepten und Lösungen in der Tasche, sondern mit Zuhören, Fragen und dem Versuch, die lokalen Kontexte zunächst einmal zu verstehen, so wie Jesus es in den ersten 30 Jahren seines Lebens inmitten der Menschen in seiner Umgebung tat. Dieser Tag wurde für die Deligierten zu einer Art Labor für die Fragen: Was bedeutet Mission heute, vor allem für Amazonien, das bis heute überwiegend ausgebeutet wurde? Wie kann der Aufruf der Bischofskonferenz für eine Woche der Mission in Amazonien umgesetzt werden? Wie kann man dem entsprechenden Appell der lateinamerikanischen Bischöfe in Aparecida für eine kontinentale Mission folgen? Das gelebte Beispiel der Basisgemeinden mit ihrer Sensibilität für die Wahrnehmung der Zeichen der Zeit und ihre reichen Erfahrung der Reflexion im Lichte des Glaubens (2. Schritt: Urteilen) könnten helfen, dass diese Mission gelingt.

Hinwendung zur Ökologie und zur Verantwortung für den Planeten Erde. Thematisch nahm die Frage der Bedrohung der Erde durch globale Erwärmung und der Bedrohung der Umwelt im Lebenskontext jeder/es Einzelnen in der Vorbereitung und Durchführung des CEBs-Treffens einen breiten Raum ein („Amazonien vor der eigenen Haustür entdecken“). Deutlich wurde auch, dass die Basisgemeinden die Überwindung von Armut und Misere nicht losgelöst von der Umweltzerstörung und der weltweiten Wirtschafts- sowie Politikkrise diskutieren, deren Folgen die Armen besonders hart treffen. Im Schlussdokument (www.cebs12.org.br) verpflichten sich die Teilnehmenden am letzten Tag des Treffens (3. Schritt: Handeln) u.a., sich für eine umweltverträgliche Landwirtschaft und für nachhaltiges Wirtschaften einzusetzen, die ökologische Perspektive der Basisgemeinden zu stärken und auszubauen. Möglicherweise war es gerade das wachsende Bewusstsein für die bedrohten Biome in Brasilien – Regenwald Amazoniens, Atlantischer Regenwald, Cerrado (Buschsteppe), Pantanal etc. – das die Deligierten dazu veranlasste, als Austragungsort des 13. Treffens der CEBs im Jahr 2013 für das Bistum Crato im Nordosten Brasiliens zu stimmen und nicht für Kandidaten aus dem Süden des Landes. Auch für den Nordosten gilt ähnlich wie für Amazonien, dass er vom Großteil der Brasiliener anderer Regionen bis heute nicht ausreichend verstanden und respektiert, sondern überwiegend mit kolonialen Augen betrachtet wird. Es gibt große soziale und ökologische Herausforderungen: Teilableitung des Rio São Francisco, Vordringen von Monokulturen wie Zuckerrohr, Soja und Eukalyptus (mit weitreichenden internationalen Verflechtungen), nachhaltiges Wirtschaften im semi-ariden Sertão, Migration.

CEBs in der Katholischen Kirche und der Gesellschaft Brasiliens. Bemerkenswert ist die gegenüber anderen Treffen der brasilianischen Basisgemeinden sehr hohe Zahl von etwa 50 katholischen Bischöfen, die in Porto Velho waren. Der kürzlich verstorbene brasilianische Kardinal Lorscheider hat über die Bedeutung der CEBs für die katholische Kirche gesagt: „Die Kirche braucht die Baisgemeinden in der heutigen Welt, vor allem in der Welt der Verarmten, der Marginalisierten, der Vergessenen. Die Kirche muss im Wesentlichen Gemeinde des Glaubens und des Kampfes sein und wirkliche geschwisterliche Verbindungen schaffen, nicht bloß Menschenmassen anziehen und unterhalten. Alle katholischen Bewegungen und Pastoralbereiche sollten die Basisgemeinden als Modell haben, als Form, Kirche zu sein. „Die lebendigen CEBs in Brasilien zeigen nach den Eindrücken von Porto Velho, dass ein Teil der katholischen Kirche nicht in innerkirchlicher Nabelschau verharrt, sondern in seinen Reihen Menschen hervorbringt und fördert, die sich aus ihrem Glauben heraus für eine gerechtere Gesellschaft engagieren. Dazu bekennen sich die Delegierten im Schlussdokument des zwölften CEBs-Treffens, das sie als Selbstverpflichtung mit in ihre Heimatgemeinden und -bistümer nehmen. Dieses lesenwerte Dokument (www.cebs12.org.br) macht deutlich, dass die CEBs – anders als die katholische Kirche insgesamt – die vorurteilsfreie Vernetzung mit sozialen Bewegungen, mit anderen christlichen Kirchen und anderen Religionen als essentiellen Teil ihres Selbstverständnisses betrachten, um zusammen mit ihnen die notwendigen gesellschaftlichen Veränderungen zu erreichen. Innerhalb eines öffentlichen Bekenntnisses für den gemeinsamen Einsatz für Frieden zusammen mit Vertreter/innen anderer Religionen wurde dies am Ende des CEBs-Treffen erneut unterstrichen.

Autor: Norbert Bolte

28. Juli 2009