Weiß bleibt Weiß

Ich finde das hier in Haiti nicht immer ganz einfach – denn ich bin und bleibe ein Außenseiter. Die Hautfarbe macht ‘ne Menge aus. Sie ist wie ein Statement: Ich bin anders als ihr.

Als Weiße nicht zu übersehen im Kreis der Kinder in Haiti: Schauspielerin Eva Habermann, die einen Monat bei Ordensfrauen in Léogâne in einem Adveniat-Projekt mitarbeitet.

Als Weiße nicht zu übersehen im Kreis der Kinder in Haiti: Schauspielerin Eva Habermann, die einen Monat bei Ordensfrauen in Léogâne in einem Adveniat-Projekt mitarbeitet.

Weiße sind hier tatsächlich so selten, dass man überall auf der Straße (von jedem) angestarrt wird, so ähnlich, als würde man in Deutschland knallgrün oder nackt rumlaufen. Es wird automatisch angenommen, dass wir Weißen alle reich sind (im Vergleich zu der Bevölkerung in Haiti sind wir das auch). In erster Linie betrachten die meisten Menschen hier einen Weißen als Geldquelle und überlegen sofort, wie sie bestmöglich einen Gewinn für sich erzielen können. Das meine ich nicht böse, sondern das ist angesichts der erdrückenden Armut auch verständlich. Bei den Ordensschwestern ist das noch ein bisschen anders, da vor Gott alle Menschen gleich sind.
Die Novizinnen, ein paar Schwestern und ich sind heute frühmorgens um fünf Uhr früh nach Port-au-Prince aufgebrochen. Ich wollte den Samstag nutzen, um  bestimmte Lebensmittel zu kaufen, die man nur in der Hauptstadt Haitis bekommt, denn ich wollte in den kommenden Tagen für alle Apfelkuchen mit Rum backen und einen Nudelauflauf machen. Mal sehen, ob das den anderen schmeckt!
Angekommen im Schwesternhaus in Porte-au-Prince, war ich dann einfach zu müde, um zum Gottesdienst um 6.30 Uhr mit in die Kirche zu kommen, und ich habe mich im Schwesternhaus in Port-au-Prince noch mal ausgeruht. Ich hatte das Gefühl, die Novizinnen haben mir ein bisschen krumm genommen, dass ich lieber schlafen wollte, statt Gott zu ehren. Aber so müde wie ich war, wäre ich selbst in der Messe eingeschlafen. Dann war ich von neun bis zwölf Uhr mit Schwester Alta beim Einkaufen im größten Supermarkt Haitis. Hier gibt es sogar französische Käsesorten, Sojasauce“ und eine Nuss-Nougat-Creme, ich habe sogar ein Birchermüsli entdeckt. Danach habe ich mich mal für zwei Stunden zurückgezogen – in ein wunderschönes, im Kolonialstil erbautes Hotel, ins „Olofsson“.  Es hatte etwas sehr luxuriöses und nostalgisches, man hat den Eindruck, man hätte eine Zeitreise gemacht in längst vergangene Zeiten. Das war für mich das erste Mal seit zwei Wochen, dass ich ganz für mich alleine war.
Im Schwesternhaus in Port-au-Prince wohnen ebenfalls Waisenkinder, allerdings nur zwei: Sarah und Sebastian. Sie haben ihre Eltern beim Erdbeben 2010 verloren. Sarah ist jetzt sechs Jahre alt, und ich glaube kaum, dass sie sich noch an ihre Eltern erinnern kann. Wie das war beim Erdbeben in Léogâne, darüber hat übrigens eine Rot-Kreuz-Mitarbeiterin auf der Adveniat-Seite „Blickpunkt Lateinamerika berichtet, das kann man hier lesen.

Die Kinder machen einen sehr aufgeweckten Eindruck und verbrachten den Nachmittag damit, ihre Hausaufgaben zu machen. Sie dachten tatsächlich, ich sei eine Französin. Hihi, ich habe mich also von „oui, oui, süüüper“ zur „Süüüperfranzösin“ weiterentwickelt. Die Novizinnen haben eine Fortbildung bei Schwester Alta und werden erst morgen Mittag nach Léogâne zurückkehren. Ich werde heute noch mit Schwester Edna zurückfahren. Mal sehen, was Shelda zu dem knallpinken Nagellack sagt, den ich ihr gekauft habe?