Bolivien: Weniger Schuhputzer – und noch größeres Elend

Für diese Kinder aus El Alto gibt es Hoffnung auf eine Zukunft jenseits bitterer Armut - ihre Eltern werden in einem Adveniat-Hilfsprojekt unterstützt, ihren Lebensunterhalt zu sichern. Oft sind besonders Kinder aus der armen Vorstadt von La Paz in Gefahr, in die Prostitution abzurutschen

Für diese Kinder aus El Alto gibt es Hoffnung auf eine Zukunft jenseits bitterer Armut – ihren Eltern hilft ein Adeniat-Projekt, ihren Lebensunterhalt zu sichern. Oft sind besonders Kinder aus der armen Vorstadt von La Paz in Gefahr, in die Prostitution abzurutschen

Straßenkinder in Bolivien: Da hat man sofort die Bilder der Schuhputzer mit Schiebermützen und Schuhputzerkasten vor Augen. Doch in den letzten Jahren sind die deutlich weniger geworden – zumindest auf den Straßen von La Paz in Bolivien.

Seit einem Erlebnis im letzten Jahre sehe ich beim Thema Straßenkinder sofort den knallroten, nagelneuen Pick-up an mir vorbeifahren, den ich vor einem Jahr in El Alto gesehen habe, der boomenden Zwillingsstadt von La Paz – auf 4000 Metern Höhe, mit mehr als einer Million Einwohner. Damals war ich mit zwei Sozialarbeiterinnen der Stiftung Munasim Kullakita („Schwester, liebe Dich selbst“) auf dem Kinderstrich unterwegs. Zuerst gingen wir zum Treffpunkt der Jungs und Mädchen, wo sie vor der Arbeit zusammenkommen. Die meisten waren schon total zugedröhnt durchs Kleberschnüffeln, manche konnte ich kaum noch verstehen. Das Gesprächsthema war das neue Baby aus der Runde, an diesem Tag morgens geboren. Die Mutter war 17, hatte Aids und Tuberkulose. Sie lebte im Heim, das der Stiftung gehört. Mehr als 30 Jugendliche, die meisten minderjährig, tauchten dort in einer Stunde auf. Die Sozialarbeiterinnen meinten, an diesem Abend sei nicht viel los gewesen.

Dann ging es mit einem der Mädchen, María, zur „Geschäftsecke“. Sie sah nicht aus wie ein Straßenkind: gut und unauffällig gekleidet, denn natürlich ist Prostitution von Minderjährigen auch in Bolivien verboten. Mit den Sozialarbeitern stand ich etwas verschämt auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Nicht lange, und es fuhr langsam jener nagelneue, knallrote Pick-up an uns vorbei. Er hielt an, drehte umständlich um, blockierte die Straße für mehrere Minuten. Es war mehr ein Auftritt als ein Anhalten. Einige Minuten verhandelten der Fahrer und das Mädchen, dann fuhr er weg, das Mädchen stieg nicht ein.

Setzt sich seit Jahren für die Kinder in El Alto ein: Irene Tokarski

Setzt sich seit Jahren für die Kinder in El Alto ein: Irene Tokarski

Polizisten als Bordellbetreiber

Eine meiner Begleiterinnen fragte María, warum nichts aus dem Geschäft geworden sei. Die Erklärung war ebenso einfach wie furchtbar: Der Fahrer war ein Polizist (nebebei bemerkt: ein Polizistengehalt in Bolivien reicht definitiv nicht für einen neuen Pick-up), und die Mädchen machen es mit Polizisten nur, wenn sie völlig pleite sind. Denn sie sind die schlimmsten Freier: Sie vergewaltigen, rauben den Mädchen das wenige, was sie haben. Oder stecken sie, nachdem sie ihre „Dienste“ in Anspruch genommen haben, ins Gefängnis – natürlich ohne zu bezahlen. Die Bordelle mit Minderjährigen werden auch oft von Polizisten betrieben, als Diskotheken getarnt. Wenn dann eine Razzia kommt, findet man natürlich nie Minderjährige.

Der rote Pick-up, den uns der Polizist vorgeführt hat und der seither durch meine Erinnerung kreist, zusammen mit einer ohnmächtigen Wut, wurde bezahlt mit der Ausbeutung von Mädchen wie María. Fast alle sind wegen Misshandlung von zuhause fortgelaufen, wissen nicht wohin, stranden in den Großstädten, falls sie nicht ins Ausland verkauft werden. Rund 50 bolivianische Pesos (etwa 7 Euro) bekommt man für einen Job. Jungfrauen werden für 300 verkauft.

Das ist eine Seite des neuen Wohlstandes in Bolivien. Fürs Schuheputzen bekommen die Kinder weit weniger.

Die Autorin dieses Textes, Dr. Irene Tokarski, ist Theologin und arbeitet als Leiterin der Arbeitsstelle Christliche Sozialethik in der Stiftung Jubileo, die Partner von Adveniat ist. Die gebürtige Augsburgerin lebt seit 18 Jahren in La Paz in Bolivien und hat sowohl in der staatlichen wie kirchlichen Entwicklungshilfe gearbeitet.