Guatemala: Wenn Morde zum Alltag gehören

Der deutsche Journalist Andreas Boueke

Der deutsche Journalist Andreas Boueke lebt seit 20 Jahren in Guatemala. Foto: Axel Habermehl

„An dieser Ecke“, sagt Andreas Boueke und dreht sich um, „wird mir immer ganz warm ums Herz.“ Boueke steht in Guatemala-Stadt an einem schmalen Fußweg, der hier auf eine enge, vielbefahrene Straße trifft. Busse und Lastwagen donnern an Fußgängern und Straßenverkäufern vorbei. Gesäumt wird die ganze Szenerie von dicht gedrängten, eilig hingebauten Häuschen, aus deren Fenstern dünne Lichtstrahlen in den frühen Abend leuchten.

Es ist ein unscheinbarer Ort, solche Ecken gibt es überall im Viertel Colonia el Tesoro in Guatemalas Hauptstadt, wo Andreas Boueke mit seiner Frau und zwei Kindern lebt. Überall geschäftiges Leben, spielende Kinder, Menschen, die auf der Straße stehen und sich unterhalten. Und doch ist die Ecke für den deutschen Journalisten Boueke eine besondere. „Genau hier, wo wir stehen, ist ein Bekannter von mir ermordet worden“, fährt er fort – offenbar ohne zu merken, dass der Ausdruck „warm ums Herz werden“ und das unbeschwerte Plaudern über einen Mord die Gruppe deutscher Journalistenkollegen irritiert, die er gerade durch sein Viertel und die benachbarte Armen-Siedlung Doraldina geführt hat.

17 Morde am Tag – Aufklärungsquote bei bei zwei Prozent

„Er hatte zu viel getrunken, was er leider viel zu oft getan hat“, erzählt Boueke weiter. Sein Bekannter sei damals in einen sinnlosen Streit mit einem anderen Mann aus der Nachbarschaft geraten, man trennte sich, traf sich kurz drauf wieder – der eine hatte ein Messer geholt, der andere eine Pistole, am Ende war der eine erschossen und der andere ging nach Hause. „Der Täter wohnte dann noch zwei Jahre da drüben“, sagt Boueke und deutet Richtung Straße, „jeder wusste, dass er der Täter war.“ Auch die Witwe des Toten habe weiter hier gelebt, später eben mit einem neuen Mann. Boueke macht kurz eine Pause, denkt nach und sagt: „Jetzt spielt er nicht mehr mit uns Fußball.“

Der Journalist Andreas Boueke lebt seit mehr als 20 Jahren in Guatemala, zunächst als Sprachenschüler, dann als Student, später als Journalist. Es ist also kein Wunder, dass ihm erstens schon mal eine deutsche Redewendung durcheinander geht und er zweitens ein anderes Verhältnis zu Mord und Totschlag entwickelt hat. Denn brutale Gewalt ist hier alltäglich, Guatemala hat die vierthöchste Mordrate der Welt: Rund 17 Morde gibt es am Tag – geahndet wird fast nie einer, angeblich liegt die Aufklärungsquote bei Tötungsdelikten bei zwei Prozent.

Andreas Boueke: gründlicher Rechercheur, hartnäckiger Kritiker

Gewalt ist in Guatemala ebenso an der Tagesordnung wie Straflosigkeit. Andreas Boueke kann lange darüber berichten, von der Verrohung der Gesellschaft, ihren Gründen und Auswirkungen. Der studierte Soziologe hat zig Reportagen gemacht und mehrere Bücher geschrieben. Über Guatemalas Gewalt und ihre Wurzeln, über Bürgerkrieg, Armut und Korruption, über kriminelle Straßengangs, brutale Polizisten und skrupellose Unternehmer.

Boueke kennt sich aus in der Geschichte des 36-jährigen Bürgerkriegs in Guatemala, in den Kulturen der ewig benachteiligten Maya-Ureinwohner und den Machenschaften der mächtigen Militärs. Er ist ein gründlicher Rechercheur, einfühlsamer Erzähler und hartnäckiger Kritiker. Unserer Gruppe von deutschen Journalisten hat er sein Viertel gezeigt und die Augen ein bisschen geöffnet: für den Charme, aber auch für die Widersprüche und Abgründe dieses Landes.

Autor: Axel Habermehl, Redakteur bei der Südwestpresse in Ulm

Mayavölker in entlegenen Bergdörfern, Menschenrechtsorganisationen in der Hauptstadt, Protestinitiativen gegen ein Bergbau-Großprojekt – das sind die Stationen der Pressereise nach Guatemala, die Adveniat mit neun Journalisten verschiedener Medien unternommen hat. Ihre Berichte werden im Herbst veröffentlicht: im Deutschlandradio und im Kölner Domradio, in der Südwestpresse oder der Schwäbischen Zeitung. Kleine Anekdoten „vom Wegesrand“ erzählen die Journalisten vorab im Adveniat-Blog. Axel Habermehl hat einige Reiseeindrücke auch auf einer Sonderseite der Südwestpresse festgehalten.