Wider der Opfermentalität

Nach acht Monaten wurde es zu viel für Danny Nzinga. Der aufreibende Lageralltag, die Einsamkeit, die Erschöpfung, der 33-Jährige brach vor versammelter Mannschaft in Tränen aus. Der Anlass: Eine US-Delegation war in Grace Village vorbeigekommen, um das Zeltlager mit über 22.000 Menschen in Carrefour in Augenschein zu nehmen. “Hier läuft alles bestens, unsere Hilfe wird nicht gebraucht”, war die Diagnose. Danny war zunächst stolz. Schliesslich managet er zusammen mit der US-Amerikanerin Katie Cotton seit Mitte Januar das Lager im Alleingang – ohne den Rückhalt irgendeiner Organisation. Der Exilhaitianer hat dafür seine Frau mit Tochter zurückgelassen in Miami. Doch viele der Obdachlosen murrten, stellten ihn in Frage. Sie wollen Hilfe. Je mehr, desto besser.
Danny geht diese “Opfermentalität” gegen den Strich. “Haiti braucht keine Wohlfahrt, wir müssen selbst aktiv werden, Verantwortung übernehmen.” Nur dann, so ist Danny überzeugt, kommt sein Land voran. Er hat im Lager einen Wachdienst und eine Müllabfuhr organisiert. Damit das funktioniert, muss jede Familie ein paar Groschen wöchentlich beisteuern. “Das war ein harter Kampf, aber es muss in die Köpfe rein, dass in jedem ordentlichen Land die Menschen Abgaben zahlen für solche Dienstleistungen”, sagt Danny.
Er eckt an mit seinem langfristigen, strukturellen Ansatz. Bei den eigenen Landsleuten, aber auch bei den internationalen Hilfsorganisationen. Nur die wenigsten waren vorher schon auf Haiti tätig, kennen das Land kaum, brauchen aber schnelle Erfolge für die Spender. Ein billiges Fertighaus schlüsselfertig auf die grüne Wiese stellen, geht schnell und gibt allemal mehr her fürs Foto als Dannys Wachdienst oder die Workshops in Familienplanung und Friedenserziehung, die er organisiert.  Haiti braucht viel mehr Dannys.

Text: Sandra Weiss