Wie brutal können Gegensätze sein?

Ausblick auf Rios Zuckerhut.

Ausblick auf Rios Zuckerhut.

Brasilien ist auf dem besten Weg zu einer ernst zunehmenden Wirtschaftsmacht. Bestes Beispiel: Rio de Janeiro. Moderne Hochhausarchitektur, mehrspurige Stadtautobahnen, auf denen Autokolonnen Samba tanzen, internationale Firmenlogos, die nachts die Strassen beleuchten – schnell erkennbare Zeichen mit eindeutiger Signatur: Brasilien geht es gut. Und die Brasilianer, allen voran ihre Präsidentin Dilma Rousseff, wollen diesen Kurs verfestigen.

Aber: Wie brutal können Gegensätze sein? Da ist die saftig grüne Stadt mit Palmen, exotischen Pflanzen. Das sind Berghügel, zwischen denen sich Hochhäuser wie Schlangengewächse empor hangeln. Ein Paradies umgürtelt von einem breiten, unüberschaubaren Meer von Wellblech, den Favelas. Ohne Straßenbau, ohne Kanalisation, ohne fließendes Wasser. Was sich hier abspielt, ist weit entfernt von Großstadtromantik. Hier herrschen der Drogenkrieg, die Macht der Kriminalität und Prostitution. Eine Ordnung neben der Ordnung. Betäubende Schwüle, dröhnender Lärm aus Musikboxen, der Geruch von Alkohol, Haschisch vernebeln den Blick auf gewohnte Regeln.

Beim Singen fühlt Cicera sich frei.

Beim Singen fühlt Cicera sich frei.

Die kleine, zierliche Schwester von den Missionaria de Vida, Mariebel Peréz León, ist fest entschlossen: sie will die Frauen der Kriminalitätsspirale entziehen. Mitten im Bordellvier

tel von Vila Mimosa steht das kleine Haus der Schwestern, die Türe immer offen, eine kleine Kapelle.

Cicera hat uns ihre Geschichte erzählt: acht Jahre war sie alt, als sie das erste Mal vergewaltigt wurde. Bald darauf kam sie auf den Straßenstrich. Nie, sagt sie, war sie in ihrem Leben etwas anderes als eine Prostituierte. Heute ist sie 51. Cicera will weg von der Strasse. Die Schwestern helfen ihr dabei. Eine Chance – vielleicht die letzte in ihrem Leben.

Text: Claudia Christophersen
Fotos: Carolin Kronenburg

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