Brasilien: „Wir arbeiten mit denen, die keiner mehr will“

Delegationsreise Steilpass Brasilien

Mittagessen im Straßenkinderprojekt Avicres in Noca Iguaçu bei Rio Janeiro. Foto: Martin Steffen

„Man muss mit denen arbeiten, die keiner mehr will.“ Dieser Satz ist die Lebensmaxime von Johannes Niggemeier. Seit 30 Jahren lebt der Theologieprofessor aus Paderborn in der Baixada Fluminense, einer gigantischen Ansammlung trostloser Vorstädte 40 Kilometer nördlich der brasilianischen Metropole Rio de Janeiro. 1985 gründete er im Stadtteil Nova Iguaçu ein Projekt für Straßenkindern, das von Adveniat unterstützt wird. In seinem Blogartikel wirft der Theologe einen Blick auf die Situation der Straßenkinder in Brasilien, die tagtäglich Opfer von Gewalt und Missbrauch werden – und zunehmend auch von politischem Kalkül.

Als Entwicklungs- bzw. Schwellenland verbindet man Brasilien geradezu selbstverständlich mit dem Phänomen der „Straßenkinder“: Kinder und Jugendliche, die in Banden Geschäfte oder Omnibusse oder am Strand Touristen überfallen. Kinder und Jugendliche, die in den Elendsvierteln oder in Bussen und Zügen mit Drogen handeln, die ihre „Dienste“ anbieten. Junges Leben, drogenvoll gebrochen an Leib und Seele, Ruhe und Schlaf suchend in Ruinen, unter Brücken, schließlich ermordet aufgefunden. Zu diesem Blick auf Brasilien gehört auch die Vielzahl an Straßenkinderheimen, oft genug besser mit „Knast“ zu bezeichnen.

DSC_2848

Der Theologe Johannes Niggemeier lebt seit 30 Jahren in Brasilien. Foto: Mareille Landau

Vor ein paar Jahren nahten plötzlich Großevents, wie die Fußballweltmeisterschaft oder die jetzt noch bevorstehenden Olympischen Spiele. Wohl nach der bekannten Devise „Was nicht sein darf, kann auch nicht sein“, kam plötzlich ein schon länger bestehendes Gesetz zur Anwendung, das unter dem wohlklingenden Motto „Reintegration und Adoption“ geführt wurde.

Schließung zahlloser Kinderheime in Brasilien

Das hatte für ganz Brasilien die Schließung so vieler Straßenkinderheime zur Folge, dass vor allem zahlreiche NGOs diese Arbeit ganz aufgaben. Was in der Praxis bedeutet, dass Kinder, die vor Verwahrlosung, sexuellem Missbrauch und Gewalt aus ihren Familien auf die Straße geflohen sind und später Obhut in einem Heim gefunden hatten, nun wieder in die desaströsen Verhältnisse ihrer Ursprungsfamilien zurückkehren mussten.

DSC_2882

Mädchen im letzten übrig gebliebenen Wohnheim von Avicres. Foto: Mareille Landau

Auch wir von Avicres waren und sind natürlich mit unseren Kinderheimen davon betroffen. Aber ein Teil unserer Kinder und Jugendlichen hatte Glück, von der verordneten „Wiedereingliederung“ in die Herkunftsverhältnisse verschont zu bleiben. Denn ein weniger am Buchstaben des Gesetzes als am Wohl der heimatlosen und zutiefst verwundeten Kinder und Jugendlichen orientierter Jugendrichter hatte Erbarmen.

Ein Land, angeblich ohne Hunger, Armut und Elend

So mussten sich 25 Mädchen eines unserer bis dahin vier Heime nicht dem Risiko einer misslungenen Reintegration oder Adoption ausliefern. Und so blieb ihnen dieses unser letztes Heim als sicherere Heimat. – Im Unterschied zu der Mehrheit der Kinder und Jugendlichen aus unseren anderen drei Heimen, die den Weg der „Reintegration“ gehen mussten, und damit letztlich wieder auf der Straße und in den Drogenbanden landeten.

Wie sehr dieser gesetzliche Rigorismus an der Realität der obdach- und schutzlosen Kinder in diesem Land – angeblich ohne Hunger, Armut und Elend – vorbeigeht, zeigt sich schnell bei einem unverstellten Blick auf das tägliche Erscheinungsbild von Straßen, Plätzen und öffentlichen Verkehrsmitteln in den Ballungsgebieten brasilianischer Millionenstädte. Denn dort gibt es all das, was es angeblich nicht gibt: Den Hunger, die Armut, das Elend und die zahlreichen Straßenkinder.

Das letzte verbleibende Heim ist ständig überbelegt

Waisenhaus in den Armenvierteln von Nova Iguacu

Johannes Niggemeier mit Waisenkindern in seinem Projekt Avicres. Foto: Bastian Henning

Und wir selbst erleben die Augenwischerei ständig im Alltag unserer  Arbeit: In verschiedenen Tagesheimen versuchen wir, in alternativer, ganzheitlich integrativer Pädagogik vorbeugend mehr und mehr Kinder davor zu bewahren, endgültig in Straßenkinderelend und Drogenabhängigkeit abzurutschen.

Ganz widersprüchlich zu der gesetzlich „verordneten“ Überflüssigkeit von Straßenkinderheimen ist unsere direkte Erfahrung in dem einzigen uns gebliebenen Heim für Mädchen ohne Bleibe: Es ist ständig überbelegt, und zwar in der großen Mehrheit von Mädchen, die von der kommunalen Behörde bei uns eingewiesen werden.

Es sei hier aber ganz deutlich gesagt, dass wir uns nicht beklagen über die zunehmende Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen „von der Straße“, ganz und gar nicht; denn es ist und bleibt von unserer Gründung her unsere „Mission“, mit denen zu arbeiten, „die keiner will“. Aber wir klagen an, dass die „öffentliche Hand“ die Realität „schönfärbt“ und der Zivilgesellschaft die Konsequenzen aufdrückt.

Text: Johannes Niggemeier

 

Mehr zum Adveniat-Projekt Avicres:

Blogartikel: Eisbrecher 

Blogartikel: WJT: Nova Iguacu – Jugend an einem verlassenen Ort

 

Kommentar zu “Brasilien: „Wir arbeiten mit denen, die keiner mehr will“

  • 19. April 2015 at 18:38
    Permalink

    Wir sind ein Ehepaar, was seit Jahren die Arbeit von Johannes Niggemeier finanzielle unterstützt.Im vergangenen Jahr haben wir eine Reise nach Nova Iguacu unternommen und uns persönlich ein Bild von den desaströsen Verhältnissen der Vorstädte Rios gemacht und haben andererseits eine große Hochachtung vor der Arbeilt von J. Niggemeier und seines Mitarbeiterstabes bekommen.Die erschreckenden Ungerechtigkeiten in einem „christlichen“ Land bekommen durch wirklich christlich Handelnde zumindest ein Gegengewicht.

Der Kommentarbereich ist geschlossen