Rio de Janeiro: Geliebt

Die ehemalige Prostituierte Cicera.

Vor 53 Jahren kam Cicera als Tochter einer Prostituierten zur Welt. Mit acht Jahren wurde sie von ihrem Stiefvater missbraucht. Von der Mutter setzte es Prügel statt Hilfe. Mit zwölf zog sie zu Hause aus – auf Sao Paulos Straßenstrich. Ein paar Reais war ihr Kinderkörper wert und manchmal bekam sie für Sex eine heiße Mahlzeit. Auf der Vila Mimosa, dem Bordell-Viertel von Rio de Janeiro, gab es dann umgerechnet etwa zehn Euro pro Freier – wenn es gut lief, zehn, fünfzehn Mal am Tag. Das meiste Geld investierte Cicera in Alkohol und Drogen – ein klarer Kopf hält das nicht aus. Ihre drei Kinder wurden ihr vom Amt weggenommen, zu Recht, sagt sie. Sie schlug sich im wahrsten Wortsinn durch das Leben: „Ich war brutal“, sagt Cicera heute.

Dann wurde sie herzkrank. Entkräftet und kaum bekleidet ging sie in die Kapelle ums Eck. Die zwei Ordensfrauen Maribel und Veronique fingen sie auf, organisierten medizinische Hilfe und, was das Wichtigste war: „Hier wurde ich das erste Mal in meinem Leben geliebt“, sagt Cicera. „So wie ich bin, bedingungslos, ohne eine Gegenleistung erbringen zu müssen.“

Bei den Schwestern fühlte sich Cicera zum ersten Mal geliebt.

„Die Schwestern sind heute meine Familie.“ Sie halfen Cicera dabei, Sozialleistungen zu beantragen und eine Wohnung zu finden. Mit Handarbeiten verdient sie ein wenig Geld. Für den Weltjugendtag hat sie beispielsweise Rosenkränze gefertigt – einen bekommt vielleicht Papst Franziskus. Darauf ist sie stolz. Sie malt Bilder in bunten Farben und singt mit samtiger Stimme. „Dass ich etwas kann, habe ich erst hier gelernt“, sagt Cicera und lacht. Ein anderes Leben ist möglich, nur einen Steinwurf von Rios Bordell-Viertel entfernt.

Text: Carolin Kronenburg, Fotos: Bastian Henning