WJT: Favela Santa Marta – Ohne Angst, von einer Kugel erwischt zu werden


Die blauen und gelben Papierdrachen tanzen im Wind über den Dächern der rotgemauerten Häuschen. Die Schnüre enden bei Kindern in Badeshorts, die von einem auf das andere Wellblechdach ihrem flatternden Windvogel hinterherspringen. Kennt man den Film „City of God“, fühlt man sich mitten drin in der Kinoszenerie über die Jugendgangs in den Favelas von Rio de Janeiro – mit einem Unterschied: Die Kinder tragen keine Waffen. Und auch die crackverkaufenden Drogenbosse mit den Schnellfeuergewehren fehlen.

In der Favela Santa Marta hat seit 2008 die Friedenspolizei die Macht übernommen. Für die 6.000 Bewohner hat sich dadurch ein neues Leben eröffnet. „Die Kinder können draußen spielen, und wir Erwachsenen können einkaufen und zur Arbeit gehen, ohne Angst zu haben von einem Querschläger erwischt zu werden“, erzählt Ana, die seit 40 Jahren in Santa Marta wohnt.

Familien protestieren gegen Umsiedlungen

Doch die Befriedung bringt auch Veränderungen mit sich, gegen die sich die Bewohner auflehnen. Im Moment protestieren gerade über 50 Familien gegen den Abriss ihrer Häuschen an der Spitze des Berges. Sie sollen umgesiedelt werden in ein Mehrfamilienhaus am Fuße der Favela. „Die Stadt will oben auf dem Berg ein teures Hotel bauen – da wollen sie unsere Favela-Häuschen möglichst weit weg haben“, sagt Ana.

Als Modell der ersten befriedeten Favela ist Santa Marta prominent und Aushängeschild für Rio de Janeiro. Denn die Stadt will ihr Image aufpolieren – für die WM, für Olympia und auch für den Weltjugendtag. So soll auch der Papst Santa Marta besuchen, erzählt uns Ana. Sein Ziel: Die Jesuitenschule am Fuße der Favela. Ana gehört einer der zahlreichen evangelikalen Kirchen in der Favela an. Sie ist gespannt auf die vielen jungen Katholiken: „Unsere Türen stehen jederzeit offen. Wir können über alles sprechen.“ – In Santa Marta sind die jungen Leute aus der ganzen Welt willkommene, aber – ganz pragmatisch gesehen – auch zahlende Gäste. „Kauft jede Menge Cola, die werdet ihr super an die WJT-Teilnehmer los“, schallt es über die Lautsprecher der Favela.

Text und Video: Mareille Landau, Videostatement: Florine Scherer