Zeuginnen und Zeugen ihres Glaubens und Handelns beim Treffen der CEBs

Märtyrer, Propheten und Zeugen des Glaubens spielen eine zentrale Rolle im Selbstverständnis und in der gelebten Spiritualität der CEBs. Zu den besonders dichten Momenten des Treffens in Porto Velho gehören das Gedenken an die vom Volk verehrten Märtyrer/innen Lateinamerikas – Oskar Romero, Chico Mendes, Dorothy Stang u.v.a. – und die Zeug/innen des Glaubens und Handelns. Ihnen widmet das CEBs-Treffen einen ganzen Nachmittag in der voll besetzten Sporthalle. Sehr bewegend ist die Würdigung des aus Deutschland stammenden Pe. Gunter Kroemer, dem langjährigen Missionar des Indianermissonsrats CIMI. Er verstarb am 15.07.  Drei Xerente-Indios singen ihr Lied zum 7-Tage-Seelenamt, bevor ein CIMI-Missionar die Lebensgeschichte von Gunter Kroemer in ausführlicher Form vorträgt. Dem Ruf eines Indio „Pe. Gunter ist nicht tot – sein Geist ist lebendig unter uns“ folgt lang anhaltender Applaus der 3.000 Anwesenden. Für des Basistext des CEBs-Treffens hatte Pe. Gunter einen Beitrag über Basisgemeinden und indigene Religionen verfasst. Eigentlich sollte er als Referent bei der Veranstaltung mitwirken.

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Hier: Nachruf, Meldung und weitere Bilder

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Dom José Maria Pires – nach dem brasilianischen Sklavenführer des 17. Jahrhunderts Dom Zumbi genannt – ist einer der wenigen afrobrasilianischen Bischöfe. Der inzwischen 90 Jahre alte ehemalige Erzbischof von Paraiba gehört zu denjenigen, die wegen ihres gesellschaftlichen Engagements während der Zeit der brasilianischen Militärdiktatur verfolgt wurden. In seiner Ansprache fokussiert er die jahrhundertelange Leidensgeschichte der afrobrasilianischen Sklaven und ihrer Nachfahren. Sein Schrei nach Gerechtigkeit gilt auch den Sünden der katholischen Kirche, die ebenfalls Sklaven hatte. Brasilien gehört zu den letzten Ländern, die die Sklaverei gesetztlich abschafften (1888). In seiner Ansprache veweist er auf die 1928 gegründete brasilianische Kongregation der Missionárias de Jesus Crucificado (www.mjc.org.br), die als erste afrobrasilianische Schwestern aufnahm. Dom José Maria Pires berichtet von rassistischen Erniedrigungen, die er in seinem Leben erlitt, von Schwierigkeiten bei den Anstrengungen, Raum für eine inkulturierte Kirche zu schaffen, die die religiösen Traditionen der Afrobrasilianser respektiert. Schließlich erinnert Dom Zumbi an die Fastenkampagne der Kirche im Jahr 1988 zum 100-jährigen Gedenken an die Abschaffung der Sklaverei, die sich dem Thema Afrobrasilianer in der katholischen Kirche und in der Gesellschaft widmete. Er verschweigt nicht, gravierende Fälle von innerkirchlichem Rassismus zu nennen. Stehend applaudieren die Zuhörer Dom Zumbi, der sich anschließend mit Geduld einer langen Reihe von Wartenden zuwendet. Sie danken ihm mit einer Umarmung, viele wollen mit ihm fotografiert werden.

Eine andere mit Spannung erwartete Zeugin ihres Glaubens ist Marina Silva, die nach ihrem Rücktritt als Umweltministerin vor zwei Jahren nun als Senatorin des Nachbarbundesstaats Acre für die Arbeiterpartei im Kongress sitzt. Im Laufe des einstündigen Vortrags ihrer bewegenden Lebens- und Leidensgeschichte muss die 51-Jährige mehrfach inne halten. Mal ist es der Applaus, der sie unterbricht, mal versagt ihr die Stimme. Marina Silva ist ein Beispiel für Lebenskampf und gesellschaftliches Engagement aus dem Glauben heraus. Schon als Kind musste sie als Gummizapferin arbeiten. Mit 16 Jahren zog sie in die Landeshauftstadt Rio Branco, um die Schule zu beginnen. Sie hatte das Ziel, Ordensfrau zu werden. Über Clódovis Boff und Dom Moacyr Grechi, der damals Bischof in Rio Branco war, lernte sie die Befreiungstheologie kennen. Statt in den Orden einzutreten, begann sie, sich als Katechetin in der Pfarrei, in den Basisgemeinden, in der Gewerkschaft der Gummizapfer und schließlich in der Politik zu engagieren. Mit großer Selbstverständlichkeit bekennt sie sich zu ihrer Sozialisierung in der katholischen Kirche und zu ihrer jetzigen Zugehörigkeit zur protestantischen Assembléia de Deus. In ihrem Apell für gegenseitigen Respekt zwischen Kirchen und Religionen plädiert sie dafür, dass es auch Aufgabe der Kirchen sei, den Menschen Räume für Bildung und gesellschaftliches Engagement zu schaffen. Ihre tiefe Verehrung für Dom Moacyr Grechi, den Gastgeber der CEBs-Treffens, und Pe. Luiz Ceppi, den vielleicht wichtigsten Mann des Organisationsteam, bekennt Marina Silva am Ende ihrer bewegenden Rede. So wie bei Dom Zumbi erheben sich die Zuhörer und danken mit lang anhaltendem Applaus.

Viele andere Zeug/innen des Glaubens unter den 3.000 Teilnehmer/innen kommen an diesem Nachmittag nicht zu Wort. Sie in anderen Momenten des Treffens zu erleben – in den Arbeitsgruppen, bei den Mahlzeiten, bei Wortmeldungen im Plenum oder auf dem Weg zur Unterkunft in Familien – gehört zu den nachhaltigen Eindrücken der Veranstaltung.
Hervorheben unter ihnen möchte ich Dom Moacyr Grechi, der zusammen mit den 4.000 ehrenamtlichen Helfern sowie den tausenden Familien ein ganz besonderer Gastgeber ist. Er setzt auf dieser Großveranstaltung Akzente, ohne sich in den Vordergund zu drängen. Herzlichkeit und Einfachheit im Kontakt mit den Menschen paaren sich bei ihm mit dem Mut, unnachgiebig die Strukturen von Ungerechtigkeit und Unterdrückung anzuprangern. Gegen Korruption in der Politik kämpft er der von zwei schweren Autounfällen gezeichnete 73-Jährige so unnachgiebig wie gegen den Großgrundbesitz in der Amazonasregion, den er als Krebsgeschwür verurteilt. Der aus Südbrasilien stammende Erzbischof wirkt glaubwürdig, wenn er zum Thema einer inkulturierten Kirche spricht, die in Amazonien errichtet werden muss. Spannend ist die Wiederentdeckung eines prophetischen Dokuments der Bischöfe aus dem Jahr 1972, auf das Dom Moacyr hinweist. In dem Dokument von Santarem (Documento de Santarem) fordern die damaligen Bischöfe von allen Verantwortlichen für die katholische Kirche in Amazonien ein vorurteilsfreies Kennenlernen der Realität dort, eine befreiende Evangelisierung und eine Förderung von einheimischen Führungskräften in den Gemeinden (http://comissao.amazonianet.org.br). Dass dieselben Themen wie 1972 auch heute offenbar noch aktuell sind, ist für mich ein Zeichen für bisher unzulängliche Fortschritte an vielen Orten. Wie kommt es, dass ein Bischof aus Amazonien sagt, dass viele der Priester seines Bistums dem Volk nicht trauen? Warum gibt es unter den Bischöfen dieser großen Region, die fast die Hälfte Brasiliens einnimmt, nur einen einzigen einheimischen Bischof?

Autor: Norbert Bolte

27. Juli 2009