Zu Gast in der Obdachlosengemeinde von São Paulo

Schon bei den verschiedenen Fahrten durch São Paulo waren sie unübersehbar: Die Obdachlosen der Millionenstadt. Es sind Zehntausende, und sie kampieren unter Brücken, auf den Gehsteigen, auf dem Grünstreifen der Stadtautobahn. Manche haben einen Einkaufswagen, in dem sie ihre wenigen Habseligkeiten vor sich herschieben, andere liegen ohne Schutz auf einem Stück Pappe und schlafen.

Es war der frühere Erzbischof von São Paulo, Dom Paulo Evaristo Arns, der die Sorge um die Obdachlosen für so wichtig erachtete, dass er in der Kurie der Erzdiözese ein Bischofsvikariat für das „Volk auf der Straße“ (o vicariato do povo da rua“ einrichtete. 1997 wurde mit der „Casa de Oração“ ein Gebets- und Versammlungshaus für die Obdachlosengemeinde errichtet. Padre Julio Lancelotti, der Bischofsvikar für das „Volk auf der Straße“, empfängt uns am Eingang zum Gemeindehaus. Aufgrund seines kompromisslosen Einsatzes ist bereits mehrfach angezeigt worden, sah sich Schmäh- und Verleumdungskampagnen ausgesetzt. Und noch immer sieht er seine Aufgabe auch politisch: „Das Volk schreit nach Erbarmen“, zitiert er den Psalmenvers – und bezieht dies auch bewusst auf die Situation der Obdachlosen. Immer wieder geschieht es, dass Ordnungskräfte (der Polizei oder private) Obdachlose schlagen, misshandeln – und es gab auch Morde. Mehrfach sind die Obdachlosen zu hunderten, angeführt von Padre Julio und unterstützt durch viele andere Gemeinden in São Paulo, protestierend durch die Innenstadt gezogen, um für Schutz und bessere Übernachtungsmöglichkeiten zu demonstrieren.

Heute kommen wir zu ihnen, und Hedwig Knist, aus Deutschland stammende Gemeindereferentin der Obdachlosengemeinde, führt uns zuerst in die Werkstatt des Projekts „Arte e Luz da Rua“ (Kunst und Licht von der Straße). Hier werden aus den Abfällen von Zuckerrohr kunstvolle Lampen hergestellt: Mehr als ein dutzend Obdachlose finden so Arbeit und Lohn, und etlichen gelang es dadurch, dem Elend der Straße zu entkommen.

In der „Casa de Oração“ dient das Erdgeschoss als Versammlungsraum, Küche und Büro, während das Obergeschoss den Gottesdiensten vorbehalten ist. Nach einer Einführung in das Haus ziehen wir, gemeinsam mit Obdachlosen der Gemeinde, die Treppe hinauf in den großen und luftigen Gebetsraum, der beherrscht wird von einem übergroßen Bild Christi am Kreuz, das der bekannte Künstler Claúdio Pastro gemalt hat. Die Obdachlosen haben die Lampen gefertigt, die den Raum in ein angenehmes Licht hüllen. Trommeln und andere Rhythmusinstrumente begleiten die Psalmen, die wir in dieser Wort-Gottes-Feier singen. Voller Inbrunst singen die Obdachlosen die Verse mit, die das Volk Israel vor mehreren tausend Jahren sang, und die jetzt im Advent auch in Deutschland in vielen Gemeinden gesungen werden: „Komm Herr, befreie dein Volk“ – die Worte des 80. Psalms sind für diese Menschen ebenso aktuell wie für die Israeliten in der Zeit der Verbannung. Die Gesichter dieser Menschen faszinieren, sie sind gezeichnet vom Alltag auf der Straße, und beim Händedruck bei unserer Ankunft konnte wir spüren, wie hart dieser Alltag sein muss. Jetzt aber schwingt eine der Frauen bei einer Text-Interpretation des Magnifikat eine große weiße Fahne, während wir singen, dass die Mächtigen vom Thron gestoßen und die Niedrigen erhöht werden. „Seid wachsam“ lautet die Botschaft des heutigen Evangeliums, das ein groß gewachsener Schwarzer mit heiserer Stimme vorträgt. Für die Obdachlosen hat es eine doppelte Bedeutung, denn sie müssen täglich wachsam sein: Aggression und Gewalt lauern an jeder Straßenecke, und die Aufforderung des Evangeliums, man müsse jeden Tag bereit sein für den letzten seiner Tage, ist für diese Menschen Alltag.

Das gemeinsame, einfache Abendessen mit Reis und Bohnen bildet den Abschluss des ersten Teils unserer Reise. Für einen Teil der Gruppe, unter ihnen auch Weihbischof Manfred Melzer aus Köln, geht es noch am heutigen Abend zurück nach Deutschland, andere reisen morgen zurück. Erzbischof Robert Zollitsch wird morgen früh mit dem verbleibenden Teil der Delegation weiterreisen nach Peru. ihn erwarten die Feierlichkeiten zum 25-jährigen Bestehen der Partnerschaft der Erzdiözese Freiburg mit Peru.

Christian Frevel