Zwei Messen und ein zu kurzer Rock

„Ich glaube irgendwas ist an dem Hahn ist kaputt. Er hat heute Nacht sowohl zur vollen als auch zur halben Stunde gekräht.“ Das waren heute morgen meine Worte zu Schwester Miriam. Abgesehen davon hab ich das Gefühl, dass der ganze Ort die halbe Nacht auf den Beinen war (es ist Wochenende, die Nacht von Samstag auf Sonntag) und  laut gröhlend und Musik spielend die Straße vor dem Kloster hinunterfuhr.

Die Novizinnen der Ordensgemeinschaft bewässern die Pflanzen im Garten der Gemeinschaft in Léogâne.

Die Novizinnen der Ordensgemeinschaft bewässern die Pflanzen im Garten der Gemeinschaft in Léogâne.

Das Problem mit den Mosquitos und den illegalen Mosquitoeinwanderern habe ich durch ein Mosquitonetz lösen können, das wir an einem Haken über meinen Bett befestigt haben. Mein karges Zimmer sieht dadurch ein bisschen edler aus – wie ein Zimmer mit Himmelbett. Bei uns in der Küche herrscht große Aufregung: Ein Pfarrer ist zu uns gekommen, um mit uns in der Klosterkapelle eine Messe zu feiern. Die Klosterkapelle ist ein einfaches Zimmer, ausgestattet mit Stühlen, einem Altar, einem einfachen Holzkreuz und einigen sehr kitschig anmutenden Blinkkerzen, die rot-rosa-gelb-blau leuchten. Einige funktionieren sogar bei Stromausfall, weil sie batteriebetrieben sind. Für eben jenen Fall des Stromausfalls gibt es in der Kapelle auch kleine Taschenlampen, damit man auch frühmorgens oder abends im Dunkeln den Text der Psalmen noch ablesen kann. Auf und neben dem Altar finden sich dann noch jede Menge Plastikblumen.
Mit einem Knall geht die Tür auf, und Shelda stürmt in die Küche. Sie ist ein fünfzehnjähriges, sehr hübsches Waisenmädchen, das davon träumt, später mal Ärztin zu werden. Sie hat zur Feier des Sonntages ein extra knappes, extra kurzes Kostümchen angezogen. Die Schwester schauen entsetzt – so könne sie unmöglich in die Messe gehen. Schwester Edna fackelt nicht lange und springt in die Bresche bzw. das Sichtfeld des Pfarrers, und Shelda und versucht vergeblich, den Rock etwas weiter Richtung Knie zu ziehen, was den Effekt hat, dass der kurze Rock nun zwar untenrum etwas Richtung Knie gewandert ist aber oben Richtung Hüfte. Tja, ein kurzer Rock bleibt eben ein kurzer Rock. Zum Gottesdienst erscheint Shelda dann auf deutliche Bitte von Schwester Edna mit einem etwas längeren Rock..
Um 8h beginnt die Messe. Hier verstehe ich leider nur die Hälfte, und ich summe bei den Gebeten in Sprechlage auf „Hmmm… Hmmmm… Hmmmm“ mit und mache dabei ein bedeutungsvolles Gesicht. Aber in der Gruppe der Schwestern fällt das Gott sei Dank nicht weiter auf.
Der Pfarrer predigt über die Religionen, die von den Menschen missverstanden und missbraucht werden, um eine Rechtfertigung für Gewalt zu haben und kommentiert damit das „Charlie Hebdo“-Attentat in Frankreich. Muslime gibt es in Haiti nicht so viele, so dass das Thema weit weg scheint. Ich muss unfreiwillig an die Kreuzzüge und ihre politische Dimension denken und daran, dass die Christen auch nicht immer die Friedlichsten waren.
Nach der Messe fragt mich Schwester Alta, ob ich Interesse hätte, mit Schwester Edna nach Léogâne zu fahren. Natürlich hab ich das! Ich mag ja auch was sehen von der Region! Nichtsahnend, dass ich zwanzig Minuten später wieder in einer Kirche stehe, diesmal in der 9:30 Uhr Messe in Léogâne.
Also summe ich wieder brav meine Gebete, es ist halt Sonntag. Diesmal bekomme ich die Messe von einem Gospelchor untermalt, der wirklich sehr schön singt. Der begleitende Keyboardspieler kämpft mit seiner Kabelverbindung zum Lautsprecher, aus dem immer wieder ein ohrenbetäubendes Knacken und Rauschen ertönt, welches die wohlgesinnte Gemeinde aber bereitwillig überhört. Ungefähr zehn Minuten dauert dieser  lärmende Kampf, dann gibt er auf. Den restlichen Sonntag (vor der Abendmesse) verbringe ich erst lesend, später mit den Novizinnen Pflanzen bewässernd im Garten. Schließlich verpassen Shelda und ich uns gegenseitig eine Pediküre mit Lack, und ich kann sie ein bisschen über ihr Leben zu befragen.
Kurz darauf kehren die Schwestern zurück, die eigentlich nachmittags nach Nippes aufgebrochen waren. Doch da die Straße von Gegen-den-Präsidenten-Demonstranten blockiert waren und die Weiterfahrt dann zu gefährlich war, sind sie wieder umgekehrt. Es gibt halt nur die eine Straße, und wenn dort kein Durchkommen ist…
Es ist in Haiti doch nicht alles so friedlich wie bei „meinen“ Schwestern.